Claudia Baricco aus Argentinien war im Januar 2009 zum ersten Mal zu Gast im Europäischen Übersetzer-Kollegium und übersetzte in Straelen Lukas Bärfuss' "Hundert Tage".
"Ich kann nur sagen, dass es alles andere als erwartet war.
Ja, ich habe gar nicht erwartet, dass ich hier die ganze Rohübersetzung vom Roman schaffe. Ich habe nicht erwartet, dass ich hier solche idealen Arbeitsbedingungen finde. - Sich frei fühlen, sich wohl fühlen und sich konzentrieren können - alles auf einmal – das ist schon Luxus.
Ich habe gar nicht eine solche Bibliothek erwartet. Ich habe mit vielen Nachschlagewerken der Medienbibliothek, mit dem Programm Office Bibliothek, mit Schweizer Wörterbüchern gearbeitet.
Ich habe gar nicht erwartet, dass ich noch Zeit dafür habe, etwas zu lesen und neue Autoren kennen zu lernen. Ich habe Werke von Alois Hotschnig, Theaterstücke von Lukas Bärfuss gelesen, ich habe in vielen anderen Büchern „geschnuppert“; einige, die ich entdeckt habe, andere, die KollegInnen mir empfohlen haben. Und ich habe schon ein paar Namen und ein paar Titel gefunden, die mich interessieren.
Ich habe gar nicht erwartet, dass ich hier auch Untertiteler-KollegInnen treffen würde. Durch sie habe ich mich bei einer Untertiteler-Gruppe angemeldet, Näheres über diese Branche hier in Deutschland erfahren, die Fachzeitschriften (die hier im Haus waren) kennen gelernt und gelesen.
Ich habe gar nicht erwartet, dass ich mit den anderen Übersetzern viel zu tun haben würde. Ich nehme jetzt viele Bekanntschaften - und ich glaube sogar ein paar Freundschaften - mit nach Hause. Und der Austausch zu spezifischen Fragen der Literaturübersetzung aber auch zu Förderungsmöglichkeiten, der Verlagslandschaft in den verschiedenen Ländern, Lizenzen u.s.w. erwies sich als äußerst bereichernd.
KollegInnen haben mir Passagen, die mir in meinem Roman nicht deutlich waren, erläutert. Über einen Kollegen habe ich erfahren, dass Lukas Bärfuss einen Preis für den besten deutschen ersten Roman 2008 erhalten hat, – und das am 8.1.2009 in der Zeitung DIE WELT erschienene Interview mit dem Autor über den Roman, worauf ich hingewiesen wurde, wird bestimmt für die Pressearbeit der spanischen Übersetzung sehr hilfreich sein.
Ich habe gar nicht erwartet, dass ich hier Spaß haben würde. Ich habe gar nicht erwartet, dass ich mich NACH Straelen fragen würde: wie kann man sonst anders arbeiten?
Ich habe etwas ganz anderes oder eher wenig erwartet. Aber vielleicht ist das gar kein schlechter Ansatz. So kann man nämlich vieles entdecken."