Maria Csollány, geboren 1932 in Tilburg/Niederlande, lebte von 1943 bis 1956 in Györ/Ungarn und war ab 1953 freie Mitarbeiterin an einer Tageszeitung. Sie veröffentlichte Gedichte, Erzählungen und Übersetzungen aus dem Deutschen ins Ungarische. Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 floh die Familie in die Bundesrepublik Deutschland, wo Maria Csollány seitdem lebt und seit 1971 Übersetzungen aus dem Englischen, Ungarischen, Niederländischen und Afrikaans ins Deutsche veröffentlicht. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Übersetzer. 1986 erhielt sie den Literaturpreis der Stadt Stuttgart; 1996 den Kulturpreis der flämischen Gemeinschaft und 2001 den Preis für Europäische Poesie der Stadt Münster.
Übersetzer sind einsame Arbeiter. Im ersten Jahrzehnt nach der Gründung des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer traf man die Kollegen bestenfalls zweimal im Jahr: Im Oktober auf der Buchmesse in Frankfurt und im November bei den Esslinger Gesprächen, benannt nach dem ersten Tagungsort. Von Freitagmittag bis Sonntagmittag fanden sich die Übersetzer zusammen bei Vorträgen, in Seminaren der jeweiligen Sprachgruppen und am Sonntagvormittag bei der Begegnung eines deutschen Autors mit seinen ausländischen Übersetzern.
Hier war Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen, Informationen zu sammeln und die eigenen individuellen Erkenntnisse mit denen anderer Kollegen zu messen. Meist war die Zeit zu kurz, um die endgültige Fassung eines schwierigen Textes auszuarbeiten. Die Adresse des Verbandes war mit der Privatadresse des Vorsitzenden Klaus Birkenhauer identisch, es gab keinen Ort für anderweitige Zusammenkünfte, keine Stammtische, keine Bibliothek von Nachschlagewerken und Fachbüchern, die über den eigenen bescheidenen Bestand hinausging. Kurzum, während der längsten Zeit des Jahres war jeder Übersetzer auf sich gestellt.
Da hatten Elmar Tophoven und Klaus Birkenhauer eine Idee: Es müßte einen Ort der Begegnung geben, wo Übersetzer miteinander arbeiten könnten. Historische Vorbilder waren vorhanden: Im dritten vorchristlichen Jahrhundert trafen sich zweiundsiebzig jüdische Gelehrte auf der Insel Pharos, um den Pentateuch, die fünf Bücher Mose, aus dem Hebräischen ins Griechische zu übersetzen. Mehr als anderthalb Jahrtausende später gab es im mittelalterlichen Toledo eine Übersetzerschule, wo in gemeinsamer Arbeit die nur noch auf arabisch erhaltenen griechischen Klassiker ins Lateinische übersetzt wurden. Das Stichwort lautete: gemeinsame Arbeit. Ähnliches schwebte den beiden Initiatoren vor, es sollte jedoch keine örtlich oder zeitlich begrenzte, sondern eine dauerhafte Einrichtung werden.
Die enge Verbundenheit mit seiner Heimatstadt bewog Elmar Tophoven dazu, die Stadtväter Straelens von seinem Konzept zu überzeugen. Er hatte Erfolg, und Ende 1978 konnte er als Präsident des neugegründeten Übersetzer-Kollegiums zum ersten Arbeitstreffen nach Straelen einladen. Hausherr und Geschäftsführer des Kollegiums war Klaus Birkenhauer, der im Rathaus Straelen einen Büroraum mit zwei Computern und einer kleinen Handbibliothek bezogen hatte.
Zur feierlichen Eröffnung und ersten Arbeitstagung fanden sich rund zwanzig Teilnehmer aus der Bundesrepublik und den Nachbarländern Niederlande und Frankreich ein, um gemeinsam Erzählungen des niederländischen Autors J. Bernlef und des französischen Schriftstellers Daniel Boulanger ins Deutsche zu übertragen. Noch wohnten sie nicht in einem eigenen Haus, ja, nicht einmal in Straelen, denn die Hotels der Stadt waren wegen eines Manager-Treffens von Gurkenfabrikanten ausgebucht. In Kevelaer fand sich ein Quartier, von dem aus die Teilnehmer mit Kleinbussen zum Tagungsort in den Räumen der Vereinsbank gebracht wurden.
Bei den Zusammenkünften in den folgenden zwei Jahren wohnten die Übersetzer in Straelener Hotels. Zur französischen und niederländischen Arbeitsgruppe gesellten sich eine schwedische, bulgarische und russische Sprachgruppe mit jeweils eigenem Übersetzungsprojekt.
Die niederländische Literatur war zu der Zeit auf dem deutschen Büchermarkt eine Angelegenheit von recht "unbekannter Nähe". Nach einer Auswahl von Gedichten von Judith Herzberg wagte sich die niederländische Übersetzerwerkstatt an die Übersetzung einer Anthologie moderner niederländischer Lyrik, die 1985 unter dem oben genannten Titel in dem inzwischen gegründeten Straelener Manuskripte Verlag erschien.
Seit September 1980 wohnten die Übersetzer in einem eigenen, wenn auch nur gemieteten Haus in der Mühlenstraße. Das Haus hatte sechs Gastzimmer, von denen zwei doppelt belegt werden konnten, und einen großen Raum, der als Bibliothek, Tagungs- und Vortragsraum diente. Eines der "Wohnzimmer" im ersten Stock war gleichzeitig das Büro Klaus Birkenhauers. Der dort einquartierte Kollege mußte an Arbeitstagen Bett und Schreibtisch bis neun Uhr morgens verlassen haben und in der Bibliothek arbeiten. Zu den sechs Zimmern gab es zwei Badezimmer und eine Schrankküche mit Eßecke auf dem Treppenpodest, wo sich die Übersetzer im wortwörtlichen Sinn näherkamen und wo manchmal drangvolle Enge herrschte. Oft ging man essen, gelegentlich kochte ein Kollege (meist Kollegin) einen großen Topf für alle.
Das Faszinierende an dieser für einsame Übersetzer so ungewohnten Art des Zusammenlebens war der Umstand, daß ungelöste sprachliche Probleme sich nicht einfach beiseite schieben ließen und die Diskussionen sich über den ganzen Tag hinzogen: beim Gemüseputzen, beim Essen, bei Spaziergängen und dem abendlichen Beisammensein.
Die Gärten hinter der neu renovierten Häuserzeile waren noch nicht angelegt, es gab keine Zäune und Hecken. An lauen Abenden stellten wir einfach die Stühle hinaus auf Bauschutt und Kies und setzten dort bei einem Glas Wein unsere Gespräche fort. Die aufmerksamen Nachbarn sahen bald zu den Fenstern heraus, machten sich auf ihrem Grundstück zu schaffen, kamen näher und setzten sich auf unsere Einladung zu uns. Tags darauf, es war ein Sonntag, kochten wir mehrere Kannen Kaffee, die Nachbarn brachten Kuchen und Stühle mit und blieben bis zum späten Abend sitzen. Das wiederholte sich ein- bis zweimal, der Kreis wurde größer, bis mit der Herbstkühle auch die Gartenzäune kamen. Offensichtlich verbreitete sich die Kunde von den nachbarlichen Abendgesprächen, denn die Bürger der Stadt, die uns zunächst mit etwas Abstand wohl als "schräge Vögel" betrachtet hatten, grüßten nun herzlich auch als Unbekannte. So wurde Straelen für uns Übersetzer allmählich zum zweiten Zuhause.
Doch schon wuchsen fünf denkmalgeschützte Häuser im Herzen der Stadt zum ständigen Sitz des Kollegiums heran. Im April 1985 wurde das neue Domizil des Europäischen Übersetzer-Kollegiums festlich eingeweiht. Weitere Häuser kamen hinzu, bis das Kollegium jene Gestalt angenommen hatte, in der wir es heute alle kennen.
Aus:
Karin Heinz / Regina Peeters (Hrsg.):
Warum ich so oft nach Straelen fahre?: Gedanken, Erinnerungen und Erkenntnisse zum fünfundzwanzigsten Jahr des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen e.V. - Straelen : Europäisches Übersetzer-Kollegium, 2003. - 135 S. : Ill.