Druckversion    Seite versenden

Erika Tophoven-Schöningh


Die ersten Schritte ...


 

 

 

 

Erika Tophoven – Schöningh, geboren in Dessau, studierte Englisch und Französisch und ist seit 1957 freischaffende Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen. Von ihr übersetzte Autoren sind u.a. Samuel Beckett, Hélène Cixous, Agota Kristof, Nathalie Sarraute, Victor Segalen, Georges Simenon. Bei vielen Texten Samuel Becketts hat sie eng mit ihrem Mann Elmar Tophoven zusammengearbeitet.

 

 

 


Top im Galop auf

dem Weg

zum Übersetzerkoleg...


So steht es auf dem Weihnachtsbild Warten auf Weihnachte 77 unseres damals 12jährigen Sohnes Philippe. Er war mit der deutschen Orthographie noch nicht vertraut. In Versailles geboren und unweit davon aufwachsend, hatte er zwar das Deutsche vom Elternhaus her in den Ohren aber nicht in den Fingerspitzen, wenn es ums Schreiben ging. Gerade solch ein vermaledeites Wort wie übersetzen, das immer wieder an sein Ohr drang, muß ihm Rätsel aufgegeben haben. – Mit sein Buch unter der Hand hübesas er ruhig bis er zu seinen land kam – es bedarf schon eines geschulten Blicks für Neologismen, um hübesas als Kontamination von hinüberübersetzensitzen/saß zu erkennen.

 

 

 

Der kleine Hübesasa wurde gerade in jener Nacht geboren, als sein Vater im Galop vom ersten Internationalen Übersetzerkongreß in Hamburg zurückkehrte. Rolf Italiaander hatte ihn zusammen mit der FIT (Fédération Internationale des Traducteurs), der Vereinigung der deutschen Schriftstellerverbände, dem PEN-Club und der UNESCO organisiert sowie natürlich dem VdÜ, dem Verband deutscher Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke, den er 1954 gegründet hatte und dessen Präsident er in den ersten Jahren gewesen war, bis Helmut M. Braem ihn in dieser Funktion ablöste.

 

Ein denkwürdiges Ereignis, dieses erste internationale Treffen:

 

 

 

„Übersetzer aus über 20 Ländern fanden sich mit Schriftstellern, Verlegern und Kritikern zusammen, um, wie es auf der Rückseite der Beitragssammlung heißt, „über jenes Handwerk und jene Kunst zu sprechen, die nach Goethes Überzeugung eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen ist und bleibt: das Übersetzen“.


 
Elmar Tophoven bezieht sich 12 Jahre später in seinem Vortrag Schritte auf dem Wege zum Europäischen Übersetzer-Kollegium (Ermittlung und Vermittlung von Übersetzererfahrungen) auf diese erste Zusammenkunft:

 

 

 

 

„... Beim Kongreß literarischer Übersetzer in Hamburg 1965 machte Kurt Heinrich Hansen* fünf Vorschläge, darunter den, eine Schule für literarische und dichterische Übersetzung ins Leben zu rufen, >eine Schule, ein Seminar, der Universität angeschlossen, Kurse und Werkstattgemeinschaften, in denen nicht nur entstehende Übersetzungen beraten und korrigiert, sondern auch bereits vorhandene (auch deutscher Bücher in anderen Sprachen) überprüft werden sollten. Eine gemeinsame Arbeit, bei der auch die vielfältigen, bislang verlorenen Überlegungen notiert werden sollten, die der Übersetzer bis zur endgültigen Formulierung eines Satzes anstellt. Aus dem Material, das ein solches intensives Arbeitsgespräch zutage fördern wird, dürfte sich ein brauchbares, Maßstäbe setzendes Werkstattbuch des Übersetzens ergeben, eine Art Lehrbuch, wie es andere Schulen als Grundlage ihres Unterrichts entwickeln.< ...“

 

 

 

Elmar Tophoven hielt diesen Vortrag eine Woche vor dem 9. Esslinger Gespräch, das, nach Esslingen und Bad Boll, nun schon seit mehreren Jahren jeweils im November in der Heimvolkshochschule in Bergneustadt stattfand. Die Esslinger Gespräche, die von ihrem langjährigen Präsidenten Helmut M. Braem 1968 gegründet worden waren, sollten in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Treffpunkte für Literaturübersetzer werden, um Berufserfahrungen auszutauschen und in Seminaren neue Arbeitsmethoden zu erproben. Bereits bei dem zweiten Treffen, 1969 noch in Bad Boll, zog Helmut M. Braem in der Stuttgarter Tageszeitung unter der Überschrift Selbsthilfe eine positive Bilanz:

 

 

 

„Alle reden von Reformen, Übersetzer verwirklichen sie. Ohne Aufrufe und Absprachen ist eine Bewegung entstanden, die kein anderes, kein geringeres Ziel hat, als die Leistung jedes einzelnen zu steigern, seine Kenntnisse zu mehren, sein Wissen zu vertiefen. ... Professor Wandruszka** und Elmar Tophoven fixierten ein Schema für die Aufzeichnungen von Werkstattnotizen: einen „Top-Raster“. Er könnte sich als vorzügliches Hilfsmittel für Übersetzer wie für die vergleichende Sprachwissenschaft erweisen. Bei „schwierigen Stellen“ sollten sich die Übersetzer Notizen machen. Aufzuzeichnen sind die Passage im Original, die erste (unbefriedigende), die zweite (nächst mögliche), die dritte (vielleicht akzeptable) Lösung. Das Schema schließt ebenso die phonetische Struktur wie lexikalische, morphologische, grammatische, stilistische Fragen, Sprachspiele, Sprachsprengungen und Kompensation ein. Eine Sammlung dieser Notizen würde erstens den Erfahrungsschatz der Übersetzer erheblich vergrößern, würde zweitens die Zahl der Fehlerquellen mindern können, würde es drittens der Wissenschaft ermöglichen, den Vorgang des Übersetzens nicht länger mehr in schon gedruckten Übersetzungen untersuchen zu müssen; denn jetzt kann sie ihn aus dem knappen Werkstattbericht erkennen. Professor Wandruszka – strahlend: „Mit Hilfe dieses Rasters könnten wir in ein paar Jahren das Handbuch zur Übersetzung  schreiben!“ ...

 

 

Der Artikel schließt mit den ermutigenden Worten:

 

„Ein oft geschmähtes Handwerk fördert sich selbst. Das ist neu, ist gut, ist notwendig.“

 

 

Von da an wurden parallel in Deutschland und Frankreich, aber zweifellos auch in anderen Ländern, die verschiedenen Wege zur Selbsthilfe weiterverfolgt und vorangetrieben. Jeder nutzte die Möglichkeiten in seinem Umfeld, um größere Kreise für die Unterstützung dieser aufkeimenden neuen Ideen zu gewinnen. Elmar Tophoven berichtet zwei Jahre später in seiner Dankesrede für den Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung von den ersten Schritten in diese Richtung:

 

 

„... Das sich weiterentwickelnde automatische Übersetzungswesen hat eine Besinnung der Humanübersetzer auf ihre ungenützten Möglichkeiten herbeigeführt. Sie haben ihre Klausen verlassen und sind miteinander ins Gespräch gekommen: Grund genug zu Hoffnungen. Wenn man sich nun in irgendeiner Abenddämmerung eine Insel der Seligen, ein irdisches Elysium der Übersetzer vorstellt, so würde dort die Kunst des Hörens, Verstehens und Wiedergebens fremdsprachiger Literatur derart von den Älteren an die Jüngeren überliefert, daß nicht jeder einzelne  Anfänger, wie so lange Zeit, immer wieder von vorne anfangen müßte, hellhörig zu werden. Die Arbeitserfahrungen, die eigentlichen Früchte der Arbeit, der von der Spreu gesonderte Weizen würde jeweils in der rechten Weise ausgesiebt werden. Ein großer Haufen Körner, der lediglich von persönlichen Unzulänglichkeiten zeugende Teil, würde im eigenen Kropf verschwinden. Ein anderer Teil von Problemlösungen mit Modellcharakter käme in den Topf, aus dem die stets der Ergänzung bedürfende Methodenlehre mit neuem praxisnahem Stoff versorgt würde. Ein weiterer Teil linguistischer Entdeckungen wäre für den unmittelbaren Austausch unter Übersetzerkollegen bestimmt. ...“

 

 

 

Diese Vorstellungen beflügelten uns geradezu bei der Arbeit in den folgenden Jahren, bis sich tatsächlich am Horizont eine Möglichkeit abzeichnete, sie zu verwirklichen. Es gab in Wachtendonk, der idyllischen kleinen Nachbarstadt von Straelen, ein kleines  Anwesen, das sogenannte Thomassenhaus, das der Großvater Tophoven vor langer Zeit erworben hatte. Es war immer vermietet gewesen, aber die Einnahmen hatten zur Instandhaltung nie ausgereicht. Es sollte abgerissen werden, stand aber unter Denkmalschutz. Da kam erstmals die ganz konkrete Idee auf, aus dem stattlichen Gebäudekomplex ein Europäisches Übersetzer-Kollegium zu machen. Ich zitiere aus Elmar Tophovens Brief an den damaligen Landeskonservator in Bonn:

 

 

„... Als gebürtiger Niederrheiner hegte ich nach über 25-jährigem Aufenthalt in Frankreich als literarischer Übersetzer und Universitätslektor den Wunsch, in meiner Vaterstadt Wachtendonk ein Europäisches Übersetzer-Kolleg ins Leben zu rufen. Nach der Renovierung des Hauptgebäudes Kempener Str. 3, Wachtendonk, sollten um den Innenhof herum etwa zwölf einfache, zweckmäßige Wohneinheiten (Studios) entstehen. Dort sollten sechs deutsche und sechs ausländische Übersetzer Gelegenheit finden, unter günstigen Arbeitsbedingungen vor allem jene klassischen Werke oder wichtigen Neuerscheinungen zu übersetzen, deren Vermittlung mehr persönliche Einsatzbereitschaft erfordert, als sie der Buchmarkt zu honorieren vermag. ...“

 

 

Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, das Haus stand längere Zeit ungenutzt leer. Aber in unserer Phantasie waren die von dem uns befreundeten Straelener Architekten Hubert van Ooyen entworfenen Räume längst bevölkert mit Kollegen und Kolleginnen aus aller Herren Länder. Eine historische Entdeckung hatte dazu beigetragen, uns in unseren Wunschvorstellungen noch zu bestärken: „die Übersetzerschule von Toledo“, die im 12. und 13. Jahrhundert (zunächst unter dem Erzbischof Don Raimundo, dann unter König Alfons X., dem Weisen) viele Philologen aus ganz Europa nach Spanien rief. Es ging damals darum, erbeutete arabische Schriften mit Hilfe sprachkundiger Juden über das Kastilische zu erschließen und weiter ins Lateinische zu übersetzen, um so den geistigen Kontakt zwischen Ost und West zu wahren. Gerade dieses Beispiel aus dem Mittelalter regte dazu an, in unserer technisierten Welt nach einer Stätte zu suchen, wo im Geiste früher Toledaner Toleranz unter modernen Bedingungen und in exemplarischer Weise ebenso kontinuierlich wie damals in Spanien eine jeweils durch Muttersprachler unterstützte literarische Vermittlungsarbeit geleistet werden könnte. Als der Gedanke bei den Esslinger Gesprächen im November 1973 zur Sprache kam, konnte einer der anwesenden Kollegen, Dr. Justo Molina, schon bald danach eine Fülle von Informationsquellen und Kontaktpersonen für unsere Recherchen ausfindig machen. Leider starb er ganz plötzlich und konnte das Entstehen eines Toledo II nicht mehr erleben.

 


Ein anderer kam uns zu Hilfe: unser Gelderner Freund Dr. Ernst Fischer, der zufälligerweise einen Onkel in Toledo hatte, den er mit seiner Frau regelmäßig besuchte. Ostern 1974 sausten Fischers mit Top im flotten BMW in die Stadt am Tajo, um beim Stöbern in den Archiven oder aus kompetentem Munde Näheres über die „Schule von Toledo“ zu erfahren. Die gewonnenen Eindrücke waren so überwältigend, daß sich nun auch unsere kleine Familie im Sommer auf die Reise nach Toledo machte, um am Ort weiterzuforschen. Aber es war Hochsommer, es war heiß, sehr heiß, Philippe trank zuviel eiskalte granita di lemone und erkrankte schwer. Etwas ernüchtert von allen Strapazen kehrten wir in unsere Levitt-town in der Ile-de-France zurück.

 


Ernüchternd wirkte bald danach auch der abschlägige Bescheid des Landeskonservators:

 

 

„Sehr geehrter Herr Tophoven, kurz vor Beginn meines Urlaubs kann ich Ihnen nur mitteilen, dass für 1975 die Beihilfengelder für Wachtendonk vergeben sind ...“

 

 

Doch die Vorstellung einer „neuen Schule von Toledo“ war nicht mehr wegzudenken. Neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, neue Arbeitsmethoden wurden vielerorts erprobt, in Paris nicht nur mit Kollegen sondern auch mit den Deutschlektoren des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und mit einer Gruppe von französischen Deutschlehrern unter der Leitung von Dr. Manfred Heid, dem späteren Direktor verschiedener Goethe-Institute, bis vor kurzem des Goethe-Institutes in Chicago, wo er im Frühjahr 2002 die Gründung eines amerikanischen Übersetzerkollegs maßgebend beeinflusste, nicht zuletzt in Erinnerung an die Werkstattgespräche in Paris.

 


Noch richteten sich alle Hoffnungen auf Wachtendonk, doch bald kam eine zweite niederrheinische Stadt „ins Rennen“: Straelen. Von einem Wettrennen kann allerdings nicht die Rede sein, zu groß waren die Risiken dieses schwer einschätzbaren Unternehmens.

 


Vor mir steht ein Aschenbecher (freilich längst umfunktioniert zum Büroklammernbecher) mit dem Aufdruck:

 

 

1974 – Blumenstadt Straelen, Landes- und Bundessieger im  Städte-Wettbewerb "Bürger, es geht um Deine Gemeinde".

 

 

Straelen, eine Stadt in vollem wirtschaftlichen Aufschwung, moderner, dynamischer als Wachtendonk, steckte damals mitten in den Sanierungsarbeiten ihres alten Stadtkerns. Wäre es vielleicht richtiger, meinte unser Freund und Architekt, das Kollegium in Straelen anzusiedeln, vielleicht in dem sogenannten „Mittelblock“ am Marktplatz? In einem Brief vom April 1975, an den Elmar Tophoven 10 Jahre später, bei der Eröffnung des „Großen Hauses“ in der Kuhstraße, erinnerte, heißt es u.a. (ich zitiere nach dem Begrüßungsmanuskript vom April 1985):

 

 

„Sehr geehrter Herr Stadtdirektor Weikamp,
Herr Hubert van Ooyen hat Ihnen wahrscheinlich mitgeteilt, daß wir vor Ostern hier in der Umgebung von Paris und nach Ostern in Straelen viel über ein Projekt gesprochen haben

...

Es handelt sich um die Gründung eines Übersetzerkollegs, eine Arbeitsstätte für literarische Übersetzer. Das Handwerk oder die Kunst der literarischen Übersetzung wird in der Bundesrepublik nicht gelehrt. Weil die literarischen Ausdrucksformen sich immer wieder erneuern, beschränkt man sich in staatlichen Übersetzer-Schulen vor allem darauf, Rüstzeug für Übersetzungen allgemeiner Art zu liefern.
Fast jeder literarische Übersetzer stirbt heute mit seinem Geheimnis.

Herausgefordert durch eine angeblich drohende Konkurrenz der automatischen Übersetzung mit Hilfe von Computern haben zahlreiche deutsche Kollegen seit Jahren bei sieben sogenannten „Esslinger Gesprächen“ nach zeitgemäßen Formen übersetzerischer Zusammenarbeit gesucht. Aus diesen Bemühungen entwickelte sich eine Methode des analysierenden und argumentierenden Übersetzens, d.h. durch systematische Aufzeichnung der Lösungen von Übersetzungsproblemen entsteht nun an Ort und Stelle und ganz unmittelbar etwas, was früher im nachhinein, oft viele Jahre nach dem Übersetzen, von der Vergleichenden Sprachwissenschaft mühsam rekonstruiert werden mußte, ehe es für weitere Vermittlungen oder die Auswertung im Sprachenunterricht zur Verfügung gestellt werden konnte. Hinfort soll es bei wichtigen Werken zwischen dem Original und der gedruckten Übersetzung den „Zettelkasten“ geben, der die eigentliche übersetzerische Leistung durchschaubar macht. Es geht im Übersetzerkolleg um die Verbreitung dieser neuen, vom rein intuitiven zum analysierenden, argumentierenden Übersetzen führende Methode, es geht um das Sammeln anfallenden Belegmaterials und dessen Auswertung ...“

 

 

Zum Glück schien der „Mittelblock“ bald besser geeignet für Cafés und Geschäfte als für eine Übersetzer-Arche. Man ging statt dessen daran, die Durchbauung von fünf alten Häusern in der Kuhstraße zu planen, eines davon zufällig Elmar Tophovens Geburtshaus.

 


Aber bis zur Verwirklichung dieser traumhaften Einrichtung waren noch viele Schritte nötig, und sie wurden nicht im Galop getan. Es galt verständlicherweise viele Bedenken auszuräumen, um einerseits die bis dahin nur im grünen Bereich bekannte Stadt auch in literarischen Kreisen attraktiv zu machen, andererseits die Stadtväter von der Bedeutung und der Ausstrahlung einer solchen Einrichtung zu überzeugen.

 

„Man kann mit Recht sagen, daß Straelen der Mittelpunkt einer Fruchtbringenden Gesellschaft ist“, heißt es in einem Prospekt, der damals entworfen wurde. „Den Namen Fruchtbringende Gesellschaft gab Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen vor über dreieinhalb Jahrhunderten nach seinen Reisen durch Europa einem Bildungszentrum, in dem europäischer Geist für sein Heimatland fruchtbar gemacht werden sollte.“

 

Daran dachte auch jener Straelener, der ausgezogen war, das Übersetzen zu lernen, und hoffte, mit einer Schar von europäischen Übersetzern heimkehren zu können. Als vor kurzem im Goethe-Institut in Paris eine Ausstellung eröffnet wurde, stand ein Bus Der Niederrheiner vor der Tür. Der große Kunstsammler Franz Joseph van der Grinten von Schloß Moyland zeigte die Volle Rolle, die er 1953 auf dem Fahrrad von Paris an den Niederrhein mitgebracht hatte, Graphiken berühmter Künstler – Picasso, Braque, Arp u.a. – die damals noch zu finden und billig zu haben waren. In diesem Goethe-Institut, das damals von dem Ungaretti-Übersetzer Baron Marschall von Bieberstein geleitet wurde, waren kurz vor dem Endspurt auch die Straelener Stadtväter zu Gast, um vor Ort zu erkunden: Wie realistisch ist Tophovens Utopia, wie eine Pariser Journalistin 1977 ihre Pressebesprechung nach einem Werkstattgespräch im Goethe-Institut betitelte. Und die Neue Zürcher Zeitung meldet in ihrem Bericht über diese Veranstaltung:

 

 

„... Seit 1968 ermöglichen die Esslinger Gespräche literarischen und geisteswissenschaftlichen Übersetzern, gemeinsam Übersetzungsprozesse zu analysieren, in der Diskussion voneinander zu lernen. Auf dem Hintergrund dieser Zusammenkünfte entstand das Projekt eines europäischen Übersetzerkollegs, das während des Pariser Kolloquiums zum erstenmal öffentlich vorgestellt und diskutiert wurde.
In der niederrheinischen Stadt Straelen soll eine erste Einrichtung dieser Art entstehen. ...“

 

 

Die Entscheidung war gefallen. Die Blumenstadt Straelen öffnete ihre Tore einer neuen Zunft, die für die ersten sieben Jahre in ein kleines Übersetzer-Elysium in der Mühlenstraße 10 einzog.


Die Pionierzeit war zu Ende. Es begann ein neues Kapitel.

 

 

 

*) Dr. Kurt Heinrich Hansen, Übersetzer angloamerikanischer Lyrik u.a.

 

**) Mario Wandruszka, 1956-71 o. Prof. in Tübingen, 1971-81 in Salzburg. Neben  Samuel Beckett und Heinrich Böll einer der ersten Schirmherren des EÜK.

 

 

 

Aus:
Karin Heinz / Regina Peeters (Hrsg.):
Warum ich so oft nach Straelen fahre?: Gedanken, Erinnerungen und Erkenntnisse zum fünfundzwanzigsten Jahr des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen e.V. - Straelen : Europäisches Übersetzer-Kollegium, 2003. - 135 S. : Ill.