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Matthias Bocksteger und Wilhelm Weikamp


 

Gründerzeit


 

 

Matthias Bocksteger, 1928 in Straelen geboren, wurde nach dem Abitur 1947 selbständiger Kaufmann als Inhaber einer landwirtschaftlichen Kornbrennerei.
Von 1969 bis 1993 leitete er als Bürgermeister die Geschicke seiner Heimatstadt Straelen. 

 

Wilhelm Weikamp, war zwischen 1969 und 1993 Stadtdirektor und Leiter der Stadtverwaltung Straelen. Als Vertreter der Stadt in allen Rechts- und Verwaltungsangelegenheiten war er während seiner Amtszeit an der durchgeführten Stadtkernsanierung in Straelen maßgeblich beteiligt.

 

 

Wenn Übersetzer aus anderen westeuropäischen Staaten nach Straelen fahren, um das EÜK zu besuchen, bemerken sie unterwegs kaum, wo sie die Staatsgrenze überschreiten, denn Schlagbäume gibt es nicht mehr - und wenn sie dann hier etwas kaufen oder in einer Gaststätte bewirtet werden, zahlen sie mit der gleichen Währung wie in ihrem Heimatland, sie zahlen mit dem Euro. Ein geeintes Europa, noch vor wenigen Jahrzehnten eine Vision, ist heute zu einem guten Teil Realität.

 

Viele europäische Kommunen haben durch ihre Partnerschaft den Boden für diese Entwicklung mit bereitet. Schon 1963 gehörten die kleine Grenzstadt Straelen und die französische Gemeinde Bayon an der Mosel dazu. Mitte der siebziger Jahre erhielt dann die Stadt Straelen die wohl ungewöhnliche Chance, ein wahrlich grenzüberschreitendes Projekt zu fördern. Sie konnte einen Beitrag leisten zur Gründung und Errichtung eines Zentrums, einer Werkstatt für Literaturübersetzer. Seit 25 Jahren existiert es nun, das "Europäische Übersetzer-Kollegium Nordrhein-Westfalen in Straelen e.V.", eine Institution, die in Fachkreisen international ein hohes Ansehen genießt.

 

Im Folgenden soll nun über die Vorgeschichte und die Gründungsphase berichtet werden.

 

Die Idee einer großen Übersetzungswerkstatt stammt von dem Straelener Elmar Tophoven, der nach seinen Studien in Paris lebte und dort als anerkannter Literaturübersetzer tätig war (Exklusivübersetzer von Samuel Beckett). Als Vorbild sah er eine im Mittelalter existierende Übersetzerschule in Toledo (Spanien). So wie damals sollte es einen Treffpunkt geben, an dem Übersetzer aus den verschiedenen Sprachräumen miteinander arbeiten könnten und als kompetente Gesprächspartner füreinander zur Verfügung stünden. Zielstrebig warb er für seine Idee bei Kollegen, aber auch bei Freunden und ehemaligen Kommilitonen. Dazu gehörten beispielsweise der ehemalige nordrhein-westfälische Finanzminister Dr. Diether Posser, Dr. Ernst Fischer, ehemaliger Chefarzt im St. Clemens Hospital in Geldern und Peter Brimmers, langjähriger ehrenamtlicher Archivar in Straelen; alle bis heute Freunde bzw. Mitglieder des EÜK.

 

Ursprünglich hatte Elmar Tophoven vor, das Übersetzerzentrum in der Nachbargemeinde Wachtendonk zu errichten, da ihm dort ein Haus zur Verfügung stand, das möglicherweise als bauliche Kernzelle hätte dienen können. Aber es tauchten dann doch Schwierigkeiten auf, die die Verwirklichung des Projektes in Frage stellten. Daher wandte Elmar Tophoven sich Straelen zu. Im Laufe des Jahres 1976 führte er mehrere Gespräche mit dem Stadtdirektor Wilhelm Weikamp und dem Bürgermeister Matthias Bocksteger. An einem dieser grundsätzlichen Informationsgespräche im Rathaus nahmen auch die Ehefrau von Elmar Tophoven, selbst Übersetzerin, und Franz-Hermann Gomfers, Ratsmitglied in Wachtendonk, teil.

 

Als Ergebnis dieser Gespräche wurde festgehalten, daß der Versuch, ein Europäisches Übersetzer-Kollegium aufzubauen, eine kulturell wertvolle und für das Image der Stadt auch interessante Aufgabe wäre. Zunächst aber ergaben sich viele offene Fragen, deren Beantwortung unabdingbar war, um das Projekt verwirklichen zu können. Zum Beispiel, wie beurteilten andere Übersetzer oder in der Kulturpolitik kompetente Persönlichkeiten diese Aufgabe? Wer würde Träger, und in welcher Organisationsform sollte das Übersetzerzentrum betrieben werden? Und wie würde eine entsprechende finanzielle Ausstattung gesichert werden können? Wie und wo würden die entsprechenden Gebäude errichtet werden, und wie könnte eine Finanzierung aussehen, um nur einige, aber entscheidende Fragen anzusprechen.

 

Bei der Suche nach einem geeigneten Standort für das EÜK schienen sich fünf Privat- bzw. Geschäftshäuser im Bereich Kirchplatz - Kuhstraße anzubieten, die alle im Zuge der seit Anfang der siebziger Jahre laufenden Stadtkernsanierung von der Stadt Straelen erworben worden waren. Der Rat beauftragte die Architektengemeinschaft Wallner - van Ooyen mit der Planung, Kostenermittlung und später dann auch mit der Durchführung der Baumaßnahme. Walter Murmann, Leiter des städtischen Bauamtes, koordinierte die oft schwierigen Fragen des Baurechts und der Denkmalpflege.

 

Im Herbst 1976 wurden die inzwischen erstellten Planungsunterlagen und Konzeptionen Dr. Klaus Birkenhauer in Tübingen zugeleitet. Dr. Birkenhauer, Übersetzer, Schriftsteller und Journalist und Ursula Brackmann, Geschäftsführerin des Verbandes deutscher Schriftsteller in Stuttgart, waren von Elmar Tophoven für das Projekt gewonnen und zwischenzeitlich in die Konzeption eingebunden worden.

 

Im März 1977 veranstaltete das Pariser Goethe-Institut ein Werkstattgespräch mit dem Thema "Modell einer Europäischen Übersetzerwerkstatt".


In seinem Referat ging Elmar Tophoven auf die Überlegungen ein, die er 1976 anläßlich des "Esslinger Gespräches", dem regelmäßigen Jahrestreffen deutschsprachiger Übersetzer, angestellt hatte:

 

 

"Das Kollegium sollte so eingerichtet werden, das sechs Deutsche, die aus dem Dänischen, Englischen, Französischen, Italienischen, Niederländischen und Spanischen ins Deutsche übersetzen, sowie sechs in die genannten Sprachen übersetzende Kollegen turnusmäßig zusammen wohnen und arbeiten können."

 

 

Eine kleine Dia-Schau stellte dann die Stadt Straelen und das Häuserensemble vor, wo nach Umbau und Sanierung die Wohn- und Arbeitsstätte der Übersetzer entstehen sollte. An dieser Tagung nahmen auf Einladung des Leiters des Goethe-Institutes, Michael Marschall von Bieberstein, auch der Generalsekretär des Europarates, Gerhard Kahn - Ackermann, sowie Straelens Stadtdirektor und Bürgermeister als Zuhörer teil. In einer abendlichen Gesprächsrunde zeigten sich sowohl Herr von Bieberstein als auch Herr Kahn - Ackermann von der Idee eines Europäischen Übersetzer-Kollegiums fasziniert. Beide vertraten aber übereinstimmend die Meinung, hier müsse die Stadt Straelen, vor allem aber das Land NRW als Träger der Kulturhoheit, Hilfestellung leisten. Die Übersetzer allein seien wohl kaum in der Lage, die finanziellen und organisatorischen Probleme zu lösen.

 

Ein ganz wesentlicher Schritt nach vorn ergab sich aus einer Besprechung am 3. Oktober 1977 im Düsseldorfer Kultusministerium. Zuvor hatte der nordrhein-westfälische Finanzminister Dr. Diether Posser wissen lassen, er werde für das Projekt "Werkstatt für literarische Übersetzung in Straelen" erforderliche Finanzmittel veranschlagen. Voraussetzung sei aber, daß das Kultusministerium NRW die Angelegenheit prüfe und letztlich eine klare Befürwortung an sein Haus, das Finanzministerium, weiterleite. Die angesprochene Konferenz im Kultusministerium stand unter der Leitung des Staatssekretärs Thiele, begleitet von Abteilungsleiter Dr. Becker und dem zuständigen Referenten Günther Solle. Von Seiten der Übersetzer und der Stadt Straelen nahmen teil: Dr. Klaus Birkenhauer, Elmar Tophoven, Ursula Brackmann, Franz-Hermann Gomfers, Bürgermeister Matthias Bocksteger, Stadtdirektor Willi Weikamp.

 

 

Um die Atmosphäre und das Ergebnis dieses Besprechungstermines mit nur einem Satz zu schildern, soll hier eine Äußerung des Staatssekretärs Thiele zitiert werden:

"Dieses Projekt gehört einfach in das zusammenwachsende Europa und ich bedauere es und wundere mich eigentlich, daß es so etwas nicht schon lange gibt".

 

 

Die Herren Weikamp und Bocksteger waren ihrerseits vom Rat zu der Erklärung autorisiert, daß die Stadt Straelen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten finanziell an den laufenden Kosten des EÜK beteiligen werde und vor allem in der Startphase bei Raumbedarf sowie bei Aufgaben von Verwaltung und Organisation Hilfestellung leisten werde, bis das EÜK voll funktionsfähig sei.

 

Im November 1977 wurden im Hotel Straelener Hof während einer Arbeitssitzung folgende Themen diskutiert:

 

  • Bildung eines Trägervereins für das EÜK und
  • Entwurf einer entsprechenden Satzung;
  • Nutzung und Finanzierung der Gebäude Kuhstraße im Rahmen der Stadtkernsanierung.

 

Gesprächsteilnehmer waren: Ursula Brackmann, Klaus Birkenhauer, Elmar Tophoven, Franz-Hermann Gomfers, Bürgermeister Matthias Bocksteger, der stellvertretende Bürgermeister Kehrbusch, die Ratsmitglieder Erika Goumans, Josefine Schlaghecken, Marianne Tapper, Hans Bongen, Hermann Sprünken, Laurenz Strompen, Willi Dielen, sowie Stadtdirektor Willi Weikamp und Stadtoberamtsrat Anton Berten.

 

Die Ergebnisse dieser Besprechung führten dann im Januar 1978 zur Gründungsversammlung des Vereins "Europäisches Übersetzer-Kollegium Straelen e.V."

 

In den Vorstand wurden gewählt:

 

  • Dr. Klaus Birkenhauer als Präsident,
  • Elmar Tophoven als Vizepräsident;
  • Schatzmeister wurde Sparkassendirektor Heinz Thissen und
  • Schriftführer Stadtdirektor Willi Weikamp.

 

Im April 1979 fand die erste Mitgliederversammlung statt, bei der einige Satzungskorrekturen vorgenommen und der Vorstand folgendermaßen
neu gebildet wurden:

 

Elmar Tophoven Präsident,

Claus Sprick Vizepräsident,

Dr. Klaus Birkenhauer Geschäftsführer,

Helmut Aerts Schatzmeister.

 

 

Inzwischen hatte das EÜK seine Tätigkeit aufgenommen. Als Geschäftsstelle diente ein Raum im Rathaus, und für die Versammlungen und Werkstattgespräche standen der dortige Sitzungssaal und die Vortragsräume in der Vereinsbank zur Verfügung.

 

Als weitere Übergangslösung wurde dann ein saniertes Altbauhaus in der Mühlenstraße 10 angemietet, wo auch die erste Bibliothek und ein Seminarraum eingerichtet wurden.

 

Hilfreich waren von Beginn an die positiven Reaktionen der Medien. Im Fernsehen, in Rundfunksendungen und vor allem in den Feuilletons der nationalen und internationalen Presse erschienen immer wieder Beiträge, die sich mit den Entwicklungen des EÜK befaßten.

 

Ebenfalls darüber informiert, lobte der spanische König Juan Carlos anläßlich der Verleihung des Aachener Karlspreises an ihn im Mai 1984 in seiner Dankesrede das Straelener Übersetzer-Kollegium als eine hervorragende Umsetzung des Europäischen Gedankens.

 

 

Im darauf folgenden Jahr wurden die Umbau- und Sanierungsarbeiten am Haus der Übersetzer in der Kuhstraße abgeschlossen. In Anrechnung der Grundstücke des Baurestbestandes der Einrichtungen, wurden ungefähr vier Millionen DM aufgewendet, wozu das Land NRW 1,2 Millionen DM beisteuerte.

 

 

Im April 1985 fand die feierliche Einweihung des Übersetzerhauses statt. Vom spanischen König traf dazu ein Glückwunschtelegramm ein. Unter den vielen Gästen befand sich der Kultusminister des Landes NRW, Hans Schwier. An diesem Tag wurde erneut deutlich, welch großen Wert für bedeutende Schriftsteller die authentische und einfühlsame Übersetzung ihrer Werke in andere Sprachen hat. Von den Schirmherren des EÜK war Heinrich Böll - von Krankheit schon sichtlich gezeichnet - gekommen und formulierte in seiner Ansprache diese Sätze:

"Dieses einmalige Institut muß erhalten bleiben".
"Die Stadt Straelen wird zum Mekka der Literaturübersetzer".
 

 

 


Aus:
Karin Heinz / Regina Peeters (Hrsg.):
Warum ich so oft nach Straelen fahre?: Gedanken, Erinnerungen und Erkenntnisse zum fünfundzwanzigsten Jahr des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen e.V. - Straelen : Europäisches Übersetzer-Kollegium, 2003. - 135 S. : Ill.