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Helmut Scheffel


Elmar Tophoven - Ein Meister der Übersetzungskunst


Helmut Scheffel, 1925 in Gera geboren, studierte Philosophie, Soziologie, Romanistik in Frankfurt und Paris und ist seit 1957 freiberuflicher Übersetzer und Publizist. Zwischen 1965 und 1989 war er Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aus dem Französischen hat er Werke von Marcel Proust, Nathalie Sarraute, Michel Butor u.a. ins Deutsche übersetzt.

Er wurde 1979 zusammen mit Gerda Scheffel mit dem Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet; im gleichen Jahr ernannte man ihn zum Chevalier dans l’Ordre des Palmes académiques.

Wir bedanken uns beim Verfasser für die Erlaubnis, diesen Text aus dem Jahr 1989 abzudrucken.

 

 

 

Die deutschsprachige Ausgabe der Werke Samuel Becketts, die 1976 erschien, umfaßt zehn Taschenbuchbände mit insgesamt rund 1.800 Seiten. Als Übersetzer sind darin drei Namen genannt: Elmar Tophoven, Erika Tophoven und Erich Franzen. Von dem letzteren stammt allerdings nur die Übertragung des Romans „Molloy“ von 1954. Bei einigen Übersetzungen aus dem Englischen – Theater-stücken und Hörspielen – hat Elmar Tophoven mit seiner Frau zusammen-gearbeitet. Den weitaus größten Teil dieser schon quantitativ bemerkenswerten Übersetzerleistung hat er allein vollbracht.

 

Wer war Elmar Tophoven, der am 23. April 1989 im Alter von sechsundsechzig Jahren gestorben ist?

 

 

Er wurde als Sohn eines Arztes in Straelen, einer kleinen Stadt nahe der deutsch-holländischen Grenze, am 6. März 1923 geboren. Wie schon der Name erkennen läßt, waren die Vorfahren Niederländer, und in der Familie Tophoven wurde neben dem Deutschen auch holländisch gesprochen. Tophoven wuchs in Straelen auf und machte 1942 sein Abitur. Unmittelbar danach wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Das Ende des Krieges erlebte er in einem französischen Gefangenenlager. Nach seiner Entlassung ging er nach Mainz, um dort Theaterwissenschaften und Romanistik zu studieren. Nach einigen Semestern hatte er die Möglichkeit, in Paris als Lektor für Deutsch an der Sorbonne zu unterrichten. Schon zu dieser Zeit begann er Theaterstücke von Adamov ins Deutsche zu übertragen. Nach seiner Tätigkeit als Lektor an der Sorbonne wurde  Elmar Tophoven Lektor an der Pariser Ecole Normale Supérieure, einer der berühmten französischen Grandes Ecoles.

 

 

Als Elmar Tophoven 1953 die erste Aufführung von Samuel Becketts „En attendant Godot“ erlebt hatte, durch die der Autor plötzlich bekannt wurde, setzte sich Tophoven, der das Stück übersetzen wollte, mit Beckett in Verbindung, auch dieser lebte seit einigen Jahren in Paris. Schon bei dem ersten Zusammentreffen besprachen Tophoven und Beckett Einzelheiten einer möglichen deutschen Fassung des Stückes. Die Zusammenarbeit mit Beckett, die bei allen folgenden Übersetzungen noch intensiviert wurde, war äußerst fruchtbar.

 

 

Beckett, der sehr gut deutsch versteht – seine Kenntnisse stammen allerdings vorwiegend aus der Lektüre deutscher Literatur des 19. Jahrhunderts - war für Tophoven, wie er immer wieder betont hat, ein Lehrmeister in Sachen Literatur und Übersetzung. Der Autor half dem Übersetzer bei der Aufhellung der zahlreichen literarischen Anspielungen in seinen Werken, und er half ihm mit Hinweisen auf das, was für ihn in seinen Texten besonders wichtig war. Denn für Beckett, den höchst formalistischen Sprachkünstler, sind Wortklänge, Klangkompositionen, Klangassoziationen, Lautwiederholungen mit Binnenreimen, Wortspiele und Worterfindungen von größter Bedeutung.

 

 

Elmar Tophoven hat jedoch nicht nur die Werke Becketts ins Deutsche übersetzt. Er hat seine sprachliche Versiertheit, seine stilistische Vielseitigkeit und seinen Einfallsreichtum auch bei der Übersetzung der Werke zahlreicher anderer zeitgenössischer französischer Autoren bewiesen. Die ungemein subtilen psychologischen Erkundungswege, die Nathalie Sarraute in ihren Büchern beschritten hat, wurden von Elmar Tophoven auch für den deutschen Leser begehbar gemacht. Ein Dutzend Romane, Hörspiele und Theaterstücke hat er im Verlaufe der Jahre übertragen. Auch mit Nathalie Sarraute, die einige Semester in Deutschland studiert hat, konnte Tophoven zusammenarbeiten, um die Stimmigkeit seiner Übertragungen zu prüfen. Elmar Tophoven sind auch die Übersetzungen mehrerer Romane von Alain Robbe-Grillet, der einen ganz anderen, eher klassischen Stil schreibt, zu verdanken.

 

 

Die Übersetzung mehrerer Romane von Claude Simon stellten Elmar Tophoven vor andere sprachliche Schwierigkeiten, denn die langen, vielfach verschachtelten Sätze dieses Autors, der in seiner assoziativen Prosa soviel zusammenzwingt, ein Satz sich manchmal über mehrere Seiten erstreckt, verlangen vom Übersetzer eine außergewöhnliche sprachliche Geschmeidigkeit.

 

 

Auf der langen Liste der Übersetzungen Elmar Tophovens finden sich noch manche andere Namen, so der des burlesken Daniel Boulanger, oder der der eher verhalten und aufs äußerste diszipliniert schreibenden Geneviève Serreau sowie der des Romanciers Claude Mauriac.

 

 

Elmar Tophoven, der unermüdlich Tätige, voller Neugier auf avancierte Literatur, die er auch deutschen Lesern vermitteln wollte, besaß zugleich ein großes Bedürfnis nach Geselligkeit und Freundschaft. Bei aller Umgänglichkeit und Bonhomie war er ungemein empfindlich für Kränkungen, die sich für ihn aus der mangelnden Achtung vor der sorgfältigen Arbeit des Übersetzers ergaben. Um die Qualität der Übersetzungen auch seiner Berufskollegen zu verbessern, um sie aus ihrer Isolation zu befreien und für sie eine Möglichkeit zu schaffen, ihre Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen, erträumte er sich einen Ort, wo Übersetzer aus allen europäischen Ländern arbeiten könnten.

 

 

Mit unerschütterlicher Beharrlichkeit propagierte er seine Idee, reiste von Tagung zu Tagung, von Institution zu Institution, um Sympathisanten für seine Idee zu gewinnen und ihnen die Bedeutung der Übersetzungskunst bewußt zu machen. Seiner Überzeugungskraft ist es zu verdanken, daß schließlich in seiner Heimatstadt Straelen das „Europäische Übersetzer-Kollegium“ gegründet wurde, das inzwischen zu einem Tagungs- und Arbeitszentrum für Übersetzer aus vielen Sprachen und Vorbild für ähnliche Einrichtungen in anderen europäischen Ländern geworden ist.

 

 

Aus:
Karin Heinz / Regina Peeters (Hrsg.):
Warum ich so oft nach Straelen fahre?: Gedanken, Erinnerungen und Erkenntnisse zum fünfundzwanzigsten Jahr des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen e.V. - Straelen : Europäisches Übersetzer-Kollegium, 2003. - 135 S. : Ill.