Wie in jeder Literatur sind auch in der russischen die Beziehungen zwischen den Geschlechtern ein zentrales Thema. Jeder denkt dabei auf Anhieb an „Anna Karenina“, Lew Tolstois klassischen Ehebruchroman.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Frauenfiguren in der russischen Literatur recht einseitig behandelt wurden. Die Frau liebt, leidet, wird verlassen und hat kaum die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, geschweige denn, ihren Glücksanspruch zu realisieren.
Karamsins „Arme Lisa“, verführt und betrogen, ertränkt sich, Puschkins Tatjana heiratet nach der Zurückweisung durch Onegin einen ungeliebten Mann, und Anna Karenina wirft sich aus Verzweiflung vor einen Zug.
Erst Alexandra Kollontai, die erste Ministerin im ersten sowjetischen Kabinett von 1917 und Schriftstellerin, argumentiert für ein neues Verhältnis zwischen Männern und Frauen, für die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Frau und erregt mit ihren Ansichten über eine neue Sexualmoral großes Aufsehen.
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Dennoch bleibt es lange bei einer prüden Darstellung der Geschlechterbeziehungen, die Frau ist gleichberechtigte Kameradin und Mitkämpferin, Intimes wird in der Literatur weitgehend ausgespart. Das Ideal der Frau orientiert sich an Turgenjews romantischen Mädchen und Nekrassows Idealbild der starken russischen Frau, die „das Pferd stoppt im Galopp und tritt in die brennende Hütte“.
In den 60er bis 80er Jahren treten Autorinnen wie Ljudmila Petruschewskaja, Viktorija Tokarewa und Ljudmila Ulitzkaja in Erscheinung, die sich vor allem den privaten Aspekten des Lebens zuwenden und vor allem die komplizierte Situation der Frauen zeigen, die den schwierigen Alltag meist allein bewältigen müssen, aber dennoch ihren Anspruch auf persönliches Glück nicht aufgeben wollen.
Mit Ljudmila Ulitzkaja kam eine neue Stimme in die russische Literatur. Ihre sehr unterschiedlichen Frauenfiguren bilden ein Mosaik, das Liebe und Ehe, Sexualität und Geschlechterkampf und deren Wandel im Laufe des zwanzigsten und zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts zeigt: glückliche und unglückliche Ehen, glückliche Dreiecksbeziehungen, minderjährige Mütter, ältere Frauen mit jüngeren Liebhabern, Männer und Frauen mit ihren Träumen von idealer Partnerschaft.
An diesem Abend erhalten Sie einen spannenden und kurzweiligen Überblick über das Thema „Männer und Frauen“ in der russischen Literatur vom 18. Jahrhundert bis heute. Sie erfahren etwas über Liebe, Ehe und Affären aus der Sicht verschiedener russischer Autoren. Besonders ausführlich wird auf die bekannte Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja eingegangen, deren Werke die Referentin ins Deutsche übertragen hat.
Die Veranstaltung begann um 20 Uhr (Einlaß 19.30 Uhr). Der Eintritt war frei.
Die Veranstaltung wird in Zusammenarbeit mit dem Lesekreis des Kulturrings Straelen durchgeführt.