Druckversion    Seite versenden

HELGA PFETSCH - SPRECHERIN DER JURY


 

 

Was glauben, denken und fühlen Jurys eigentlich, und - dürfen sie das?


Überlegungen anlässlich der zweiten Verleihung des übersetzerpreises der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen am 10. Juli 2003

 


Diese Jury glaubt, das möchte ich zu aller erst sagen, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Jurys glauben, dass es eine richtige Entscheidung gibt, Jurys glauben, dass die richtige Entscheidung abhängig ist von Qualität, und Jurys glauben, dass es Kriterien für Qualität gibt.

 

 

Von einem Regelwerk für die Arbeit in Jurys, zehn oder mehr Geboten, Leitsätzen, einer Richtschnur, einer Anleitung für Juroren ist mir nichts bekannt. Umso interessanter ist es, festzustellen, dass es in jeder Jury ein - meist unausgesprochenes - Einverständnis darüber gibt, was in die Waagschale der Entscheidungsfindung hinein darf, soll und muß.

 

 

Betrachten wir einmal, welche Faktoren den Juror und die Jurorin auf dem Weg zur Entscheidung anspringen. Der Preis würdigt eine herausragende literarische Übersetzung ins Deutsche und das Gesamtwerk des Übersetzers. Den Paketen aus Straelen entnimmt die Jurorin die Liste der eingereichten Bücher, die Bücher selbst, die Anträge. Die Liste gibt Auskunft darüber, wer zuerst eingereicht hat, wer zuletzt. 

 

 

Interessant, aber, solange die Frist eingehalten ist, nichts für die Waagschale. Dann der Antrag - wie umfangreich ist er? Wer stellt ihn - der Übersetzer selbst, ein Verlag, ein Kritiker, ein Kollege? Wie umfangreich ist die Begründung, wie lang die Vita, wie lang die Publikationsliste? Bewertungen sind automatisch und sofort aktiv, streifen den Bewusstseinsrand: zu lang - zu kurz, schöne Schrifttype - komisches Schriftbild, warum denn handgeschrieben, hat der keinen Computer? Oh, die Begründung liest sich aber hübsch - na das ist doch etwas mager... Wirkung hat dies alles, aber nein, nichts davon kommt in die Waagschale. Der Preis würdigt eine herausragende literarische Übersetzung ins Deutsche, nicht die Begründung, nicht das begleitende Papier, solange die Einreichungsbedingungen erfüllt sind. Mitglieder dieser Jury erzählten sich später, dass sie Anträge und Begründungen plus beigelegte Rezensionen erst ganz am Schluß gelesen haben, nach der eingehenden Lektüre der Übersetzungen.

 

Dann halte ich das Buch selbst in der Hand. Ist es dick ist es dünn? Wie riecht es? Gefällt mir das Titelbild? Mag ich den Verlag? Ist es aus einer mir vertrauten Sprache, einem vertrauten Kulturraum übersetzt? Kenne ich den Autor und wer ist der Übersetzer? Während die Hände noch tasten, die Augen das Äußere taxieren und in Kopf und Bauch wieder automatisch die dem Menschen eingebaute Sortiermaschine läuft "sympathisch oder unsympathisch", "ästhetisch oder unästhetisch", "vertraut oder fremd" mit anderen Worte "gefällt mir oder gefällt mir nicht", befinden wir uns schon sehr dicht an den Waagschalen. Und während Aufmachung und Umfang draußen bleiben, stehen nun Autor, Übersetzer und vor allem der Text, die Übersetzung selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit.

 

 

Der Preis würdigt eine herausragende literarische Übersetzung ins Deutsche und das Gesamtwerk des Übersetzers. Wir haben eine Übersetzung zu beurteilen, nicht das Originalwerk. Doch können wir eine Übersetzung preiskrönen, deren Original ein unbekannter, unbedeutender, schriftstellerisch platter und nichtskönnender Autor geschrieben hat? Unbekannt? "Ja; unbedeutend?" Kommt drauf an; schriftstellerisch platt und Nichtskönner? -Nein.

 

 

Auf ewig bleibt an dieser Stelle die Übersetzung vom Original abhängig, ein Spiegelbild, das ohne das Bild selbst nicht existiert und dessen Qualität sich erst an den Qualitäten des Originals entfalten kann.

 

Wie stark den Juror auch die Kenntnis der Person des Übersetzers mitbestimmt, habe ich gemerkt, als ich vor Jahren in der Jury des Kurt- und Helen-Wolff-Preises einmal tatsächlich keinen der Bewerber namentlich oder persönlich kannte. Das waren angenehme klinische Bedingungen. Als Übersetzerin in Deutschland, als Vorsitzende des Übersetzerverbands kenne ich fast alle deutschen Übersetzernamen, und viele Übersetzerinnen und Übersetzer persönlich.

 

Die Sortiermaschine hat die unterschiedlichsten Aspekte: Wer könnte diesen Preis (und die damit verbundene Dotierung) so richtig gut gebrauchen? Wer hat, trotz hoher Übersetzerischer Qualität noch nie einen Preis bekommen und verdient nun unbedingt mal einen? Bis hin zu den finstersten menschlichen Abgründen: Wem gönne ich diesen Preis, wem nicht?

 

 

Ich habe es gewagt, einige dieser Hintergründe, die bei der Entscheidungsfindung gegenwärtig sind und Entscheidungen mit beeinflussen können, aufzudecken und zu nennen, da ich der Meinung bin, dass sie immer präsent sind und ihre Wirkung tun - ob wir es wollen oder nicht, ob wir es merken oder nicht, ob wir es zugeben oder nicht. Sie sind menschlich, sie sind nachvollziehbar. Und sie dürfen es sein, solange sie nicht unterschwellig, unbewusst, und verdeckt von vordergründigen Scheinargumenten wirken. Die wahre Aufgabe der Jury besteht für mich darin, das eigene Glauben, Denken und Fühlen, das neben aller sachlicher Urteilskraft wirkt, wahrzunehmen, offen zu legen und ihm den Stellenwert zu geben, den es hat.

 

 

Ein großes Erlebnis war für mich in dieser Jury, die nun zweimal die Entscheidung für den Übersetzerpreis der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen getroffen hat, dass Einflüsse und Wirkfaktoren wahrgenommen, benannt und ausgesprochen wurden, dass sie vom Unbewussten ins Bewusstsein gehoben und damit erkennbar und diskutierbar wurden. Dafür danke ich meinen Mitjuroren und -jurorinnen herzlich.