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THOMAS RESCHKE - DANKREDE


 

 

Herr Ministerpräsident, meine Damen und Herren!

 

Ich habe heute sehr viel Dank abzustatten:

 

Dank dem Herrn Ministerpräsidenten Wolfgang Clement für seine freundlichen Worte. Dank Friedrich Dieckmann für seine schmeichelhafte Laudatio, Dank der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen für die Schaffung dieses ehrenvollen und so vorzüglich dotierten Übersetzerpreises (der nebenbei bestens geeignet ist, das Interesse der Öffentlichkeit auf unseren eher unauffälligen und oft unterschätzten Beruf zu lenken), Dank der Jury, die unter vielen gleichermaßen verdienten Übersetzern für diese große Ehrung mich auswählte, Dank dem verstorbenen Klaus Birkenhauer, der an der Schaffung dieses Preises seinen Anteil hatte (und überhaupt seine Lebensaufgabe darin sah, unseren schönen Beruf in jeder Weise zu fördern), und Dank nicht zuletzt dem Übersetzerkollegium, das diese Feierstunde organisierte und seine gastlichen Räume zur Verfügung stellte.

 

 

Ich benutze die Gelegenheit, auch all den Persönlichkeiten und amtlichen Institutionen zu danken, deren Förderung das Bestehen dieses Übersetzerkollegiums möglich macht. Übersetzen ist ein einsamer Beruf, und es ist für unsereinen hilfreich und wichtig, daß wir uns hier jederzeit einquartieren können, um zu arbeiten, uns mit Berufskollegen auszutauschen und die wunderbare Bibliothek zu nutzen.

 

 

Ich erinnere mich, wie ich vor über zwanzig Jahren im Börsenblatt von der Gründung dieses Hauses las und dann davon träumte, einmal hierher zu kommen, aber Straelen war damals für uns eingemauerte DDR-Deutsche so weit entfernt wie die Osterinsel. Erst im März 1989, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall, ging der Traum in Erfüllung: Ein deutsch-deutsches Seminar für Russisch-Übersetzer, auch eine Idee von Klaus Birkenhauer, ermöglichte es sechs DDR-Übersetzern, eine Woche lang in diesen Räumen zu wohnen und mit den westdeutschen KollegInnen an Texten zu arbeiten. Ich schrieb damals in das Gästebuch dieses Hauses den Wunsch: Begegnungen wie diese, die noch als sensationell empfunden wurde, möchten bald Selbstverständlichkeit werden. Mein Wunsch ist ein gutes halbes Jahr später in Erfüllung gegangen.

 

 

Meine Damen und Herren, über den Beruf des LiteraturÜbersetzers läßt sich unerhört geistvoll, ja aphoristisch plaudern, aber das können Karl Dedecius und Burkhart Kroeber besser als ich. Erlauben Sie mir statt dessen ein paar Anmerkungen zu der einzigartigen Situation der Russischübersetzer in der DDR, deren Arbeit neben der literarischen auch eine zeitgeschichtliche Dimension hatte.

 

 

Als ich 1955 im Verlag Volk und Welt als Lektor anfing und in meiner Freizeit russische sowjetische Literatur zu übersetzen begann, war der Diktator Stalin erst zwei Jahre tot, aber seine Vorstellungen von den Aufgaben der Kunst und Literatur waren in Rußland und den Satellitenstaaten, auch in der DDR, noch eisernes Gesetz, an das die Verlage sich zu halten hatten: Literatur habe vor allem die politischen Vorstellungen der Nomenklatura zu propagieren, also die herrschenden Machtverhältnisse zu rechtfertigen und zu verherrlichen.

 

 

Nur allererste Schwalben kündigten einen Sommer an, der jedoch noch auf sich warten ließ. In den sechziger Jahren traten die ersten russischen Schriftsteller der Nachkriegsgeneration mit zaghaften neuen Vorstellungen an die Öffentlichkeit, von denen ich Jewtuschenko, Kasakow und Axjonow übersetzte; nach und nach durften auch ältere kritische Autoren wieder erscheinen, die lange verpönt gewesen waren: Isaak Babel, der beliebte Satiriker Sostschenko, der im Lager ermordete Wesjoly und andere. Meine Übersetzerkollegen und ich konnten dann in den siebziger Jahren beobachten, daß in der Sowjetunion trotz immer noch strenger Zensur in der Literatur etwas weniger Tabus galten als in den Massenmedien, etwas weniger Tabus auch als in der DDR. (Es ist vorgekommen, daß DDR-Schriftsteller sich bei der Zensur darüber beschwerten, daß sie nicht so kritisch schreiben dürften wie ihre sowjetischen Kollegen)

 

 

Die regierenden Greise hatten eine realitätsferne und idealisierte Vorstellung von der Sowjetunion, in der sie ihr Vorbild sahen, und suchten zu verhindern, daß dieses Bild durch kritische Kunst getrübt würde. Die Literatur des sogenannten Bruderlandes galt als sakrosankt, und sie verlor nach dem Gesetz der Trägheit ihr offizielles Ansehen bei der DDR-Partei- und Staatsführung auch in den siebziger und achtziger Jahren noch nicht, als sie schon kritisches, um nicht zu sagen, oppositionelles Gedankengut transportierte, das wir dann gewissermaßen legal in die DDR mogeln konnten; das trug erheblich dazu bei, daß wir Freude an unserer Arbeit hatten.

 

 

Aus der schönen Literatur, nicht aus den Medien, erfuhren wir von sowjetischen Alltagserscheinungen wie der Mangelwirtschaft, der Kriminalität, dem verbreiteten Alkoholismus, der Rauschgiftsucht usw. Aber die Schriftsteller wagten sich nun auch an brisantere Themen heran: die Lagerproblematik, die zerstörte Landwirtschaft, die vernichtete Kultur der zwischenmenschlichen Beziehungen usw., schließlich auch an das lange Zeit größte Tabu: die Schreckensherrschaft Stalins. Ich nenne hier Autoren wie Tendrjakow, Trifonow, Abramow, Astafjew, von den Nichtrussen den Kirgisen Aitmatow und den Belorussen Bykau. Schon in der Perestroikazeit erschienen endlich auch die Kolyma-Geschichten von Schalamow, der das Grauen des Archipel GULAG in einer eigentlich nicht übersetzbaren Prosa darstellt. Ich bitte um Nachsicht, daß ich die Informationsleistung der sowjetischen Literatur so hervorhebe, aber sie spielte im Realsozialismus eine nicht zu unterschätzende Rolle.

 

Die preisgekrönte Übersetzung
Die preisgekrönte Übersetzung
Die preisgekrönte Übersetzung
Die preisgekrönte Übersetzung

 

 

In der DDR waren nämlich Bibliotheken, Buchhandlungen, Kulturfunktionäre in den Betrieben staatlicherseits gehalten, Literaturlesungen zu veranstalten und dazu möglichst sowjetische Autoren und/oder ihre Übersetzer einzuladen; im Anschluß an die meist gut besuchten Lesungen gab es stets Gespräche mit dem Publikum, die allemal in politische Fragen übergingen. Ich habe immer gern aus denjenigen meiner Übersetzungen gelesen, die sich kritisch mit den sowjetischen Verhältnissen auseinandersetzten - es hat schon Spaß gemacht, die erstaunten Reaktionen des Publikums zu sehen.

 

 

Mit Vergnügen erinnere ich mich an eine doppelte Lesung, zu der mich die Ludwigsluster Goethe-Oberschule, an der ich 1951 Abitur machte, eingeladen hatte; ich las aus dem Roman "Das goldene Kalb" von dem Autorenpaar Ilf und Petrow, der eine höhnische Satire auf die sowjetischen Verhältnisse ist - las vormittags vor den Paukern, die nur glucksten, weil sie sich nicht offen zu lachen trauten (die sogenannte Volksbildungsministerin Margot Honecker führte ein eisernes Regime), und nachmittags vor Abiturienten, die solche Ängste nicht hatten und sich vor Lachen ausschütteten.
Der Roman "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow, dessen Übertragung heute ausgezeichnet wird, war der große Glücksfall in meinem Leben.

 

 

Das ist eine Geschichte mit abenteuerlichen Momenten. Das russische Original, 1966/67 sechsundzwanzig Jahre nach dem Tode des Autors erstmals erschienen, war von der sowjetischen Zensur unglaublich verstümmelt worden (um ca. acht Prozent der Romansubstanz), und obwohl mir die russische Liste der etwa hundertachtzig Streichungen während der Übersetzungsarbeit zugespielt wurde und ich sie mit Bulgakows Witwe in Moskau verifizieren konnte, mußte ich mit ansehen, daß in der DDR nur die gekürzte Fassung gedruckt werden durfte. Erst sieben Jahre später erschien in der Sowjetunion die vollständige Fassung, die ich nun auch in der DDR herausbringen konnte (nicht ohne den Text bei der Gelegenheit nochmals gründlich zu überarbeiten).

Ich bin oft gefragt worden, wie es komme, daß dieses Buch sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR einen Kultstatus erlangte.

 

 

Ich glaube, es hat vor allem zwei Gründe: 1. Man spürt bei der Lektüre die große Ehrlichkeit des Autors, der sich in den schlimmsten Zeiten des stalinistischen Terrors, als viele Autoren sich bei der Macht anbiederten, nicht gebeugt und nicht verbogen hat - und in Kauf nehmen mußte, daß seine gesamte literarische Produktion "für die Flaschenpost" geschrieben war, die seine Werke erst späteren Generationen zugänglich machen würde, woran er bis zuletzt nicht zweifelte. Und so ist es gekommen. 2. Der Roman ist unendlich weit von dem damals allgemein verbindlichen Dogma des "sozialistischen Realismus" entfernt, den man sich heute nicht mehr vorstellen kann. In Rußland haben Witzbolde folgende schöne Definition gegeben: Sozialistischer Realismus sei die Darstellung des Lebens der Nomenklatura in für sie faßlicher Form.

 

 

Christa Schuenke hat vor etlichen Jahren im "Übersetzer" daran erinnert, daß die Russischübersetzer der DDR in der Vorwendezeit durch ihre Arbeit und durch ihre öffentlichen Auftritte Informationsdefizite abzubauen halfen. Das trifft zu. Ich wage sogar, zu behaupten, daß unsere Berufsgruppe - natürlich in bescheidenem Umfang - zur geistigen Vorbereitung der Wende beigetragen hat.

 

 

 

 

 

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