|
Der Komponist, dessen Musik wir heute hören, hat für mich eine besondere Bedeutung. Dieterich Buxtehude ist in der Stadt Helsingør in Dänemark aufgewachsen. Ich auch. Er hat seine erste musikalische Ausbildung in der Sankt Olai-Kirche in Helsingør bekommen. Ich auch. Er als Sohn des Organisten, ich als Mitglied des Knabenchors. Buxtehude ist später nach Lübeck gegangen und hat dort große Anerkennung geerntet. Ich auch. Allerdings ging ich dort eher im übertragenen Sinne hin, indem ich mich in das Lübeck der Buddenbrooks zurückversetzte. Und dafür darf ich heute diesen ehrenvollen Preis entgegennehmen.
Das erste Werk, das ich als elfjähriges Chormitglied in Buxtehudes Kindheitskirche eingeübt habe, war – erinnere ich mich recht – eine Kantate von Buxtehude. Wir sangen den Text: „Eders hele værk“ in dänischer Sprache. Unter den Noten stand aber neben der dänischen auch die deutsche Textfassung: „Alles, was ihr tut“, und ich weiß bis heute nicht, welche der Fassungen das Original und welche die Übersetzung ist. Man hätte also, dachte ich, die Worte genauso gut auf deutsch singen können, die Musik wäre gleich schön und der Inhalt gleich erbaulich gewesen.
Dieses Erlebnis war vielleicht meine erste Begegnung mit der Ostseebrücke. Eine Brücke über die Ostsee gibt es in der materiellen Welt freilich nicht. Dafür gibt es im kulturellen Bereich viele schöne und starke Brücken, die Deutschland und Dänemark miteinander verbinden, wie die Kunst, die Musik, das Theater, Filme, die Literatur – eben alles, was man so tut. Und die Kulturbrücken sind so seltsam beschaffen, dass das, was auf der einen Seite ankommt, immer noch auf der anderen vorhanden ist. Kultureller Austausch ist eben nicht Hin-und-Her-Schieben, sondern gemeinsame Gegenwärtigkeit.
Das Brückenbild fällt mir fast unvermeidlich ein, weil ich als Kopenhagener immer Deutschland als ein Land jenseits des Meeres erlebt habe; es gibt aber auch einen anderen Grund: Das Brückenbauen ist ja eine bewährte Metapher für das Übersetzen, denn Übersetzungen erleichtern oder ermöglichen gar erst den Verkehr zwischen Bereichen, die voneinander getrennt sind, sei es auf der psychologischen oder ästhetischen Ebene, oder aber weil schlichtweg keine Verständigung besteht.
Wenn ich an meine eigene Mitarbeit am deutsch-dänischen Brückenbau zurückdenke, dann gab es in der Tat manches zu überbrücken. Ich wurde im Jahre 1949 geboren, das heißt, ich wuchs im Schatten des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Okkupation von Dänemark auf. Deutsch war in meiner Kindheit immer noch Feindessprache. Man hörte sie nicht gern und beschäftigte sich nur widerwillig damit. In den sechziger Jahren, als ich das Gymnasium in Helsingør besuchte, hatte sich dann schon einiges geändert.