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Birgitta Kicherer


Mitglied der Jury des Übersetzerpreises 2005


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

heute darf ich als Vertreterin der Jury für den Übersetzerpreis 2005 der Kunststiftung NRW, der an Niels Brunse aus Kopenhagen für seine großartige Übersetzung der Buddenbrooks von Thomas Mann verliehen wird, zu Ihnen sprechen.

 

 

Bisher war ich als Jurorin an mehreren Jurys beteiligt, Jurys, die Preise oder Stipendien an Übersetzerkollegen verteilen, eine Aufgabe, die manchmal eher belastend als inspirierend war, weil man so oft das Gefühl hatte, der Göttin der Gerechtigkeit nicht bis ins letzte Zipfelchen ihres Gewandes gedient zu haben. Häufig fragte ich mich nach Jurysitzungen leicht bedrückt, waren wir uns tatsächlich einig, hatten wir eindeutig die würdigsten Anwärter herausgefiltert?

 

 

Meistens dauerten die Sitzungen lange, es wurde um einzelne Positionen gerungen die Debatten wurden mitunter äußerst scharf geführt, manchmal gelang es mir nicht, die schlagkräftigen, stichhaltigen Argumente zu liefern, die nötig gewesen wären, um einem in meinen Augen würdigen Kandidaten auf verlorenem Posten zu seinem Recht zu verhelfen, was wiederum zu einer schlaflosen Nacht führte. Juryarbeit – harte Arbeit, das werden mir alle bestätigen, die dem Aufruf als Juror gefolgt sind.

 

 

Heute, hier im vielgeliebten Straelen kann und darf ich aber von ganz anderen Empfindungen zu Ihnen sprechen: Als die Jurysitzung für diesen Übersetzerpreis abgeschlossen war, fühlte ich mich kein bisschen bedrückt, sondern nur aufrichtig traurig – und zwar, weil diese außerordentlich anregende Sitzung zu Ende war.

 

 

Noch nie habe ich eine so harmonische, inspirierende Juryzusammenarbeit erlebt. Und das, obwohl die eingereichten Übersetzungen aus den vier skandinavischen Sprachen durchaus gleich schwergewichtig waren, sowohl Klassiker, als auch anspruchsvollste Moderne, und obwohl mir vorher ausgesprochen mulmig zumute gewesen war, wie sollten wir vier unterschiedliche Muttersprachler es schaffen, unsere jeweiligen Standpunkte gegeneinander zu verteidigen?

 

 

Doch siehe da, es war wie ein modernes Pfingstwunder, wir haben uns verständigt, ohne Kontroversen, ohne Kompromisse, nach der einstimmigen Entscheidung waren wir alle vier glücklich, entspannt und hatten das Gefühl – ja, so musste es sein, wir haben es gut gemacht.

 

 

Nun habe ich uns, die Jury, sehr gepriesen, aber ich glaube, ohne die einmalige Atmosphäre des EÜK, ohne die liebevolle Betreuung, die wir hier erfahren haben und ohne die überaus kritik- und intellektfördernden Suppen von Frau Brackmann hätten wir, die Jury, trotz aller Harmonie doch wesentlich länger um unsere Entscheidung gerungen.

 

 

Daher möchte ich, auch im Namen meiner Mitjuroren, sagen, der Geist des EÜK hat uns beflügelt und zu dieser Entscheidung getragen.