Lieber Gerhardt Csejka!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
„Puricii sa te sarute“, sagt der rumänische Volksmund in der ihm eigenen derben Zärtlichkeit, „die Flöhe mögen dich küssen“. Im Falle Gerhardt Csejkas ist das kein frommer Wunsch. Der Tüftler und Grübler aus der Banater Gemeinde Guttenbrunn läßt sich wirklich von den Flöhen küssen: Den Flöhen der Reflexion, der Genauigkeit und Subtilität, nicht zuletzt denen der Kritik und Selbstkritik.
Als Literaturkritiker hat Csejka schließlich begonnen, damals, Anfang der 70er Jahre, als er Redaktionsmitglied der Zeitschrift Neue Literatur wurde. In dieser Eigenschaft war er zusammen mit drei Kollegen durch die deutschen Gymnasien des Banats gereist und hatte mit den Schülern freie Diskussionsrunden zu Themen ihrer Wahl veranstaltet. Auf freiem Sprechen, einer freien Sprache zu bestehen, war im kommunistischen Rumänien der zu Formeln erstarrten „limba de lemn“ ein so ungewohnter wie unerhörter Vorgang.
Die Reise hatte Folgen. Einer der beteiligten Gymnasiasten – die Rede ist von Rolf Bossert – gab seinen Plan eines Geologiestudiums auf und wandte sich der Literatur zu. Mehr noch: Die Diskussionsrunden legten den Grundstein zur Bildung jener legendären Aktionsgruppe Banat, deren konsequenter Förderer Gerhardt Csejka wurde.
Kritisch verhielten sich Csejka und die jungen Autoren der Aktionsgruppe in zweierlei Weise: Zum einen gegenüber der traditionellen rumäniendeutschen Literatur, die stets auf Trends der Mutterkultur reagiert hatte. Die neue Literatur sollte sich, unbekümmert um kanonische Muster, der Wirklichkeit zuwenden, einer von Klischees und Schablonen beherrschten Wirklichkeit. Um sie zu sprengen, bedurfte es der sprachlichen Differenzierung. Für die jungen Dichter wurde die Konkrete Poesie ebenso wichtig wie das auf Tonkassetten kursierende Werk des bereits im Westen lebenden Oskar Pastior. Politische Absichten waren den Autoren nicht fremd, sondern, im Gegenteil, Sinn der poetischen Sache.
Gerhardt Csejka diskutierte die Texte mit ihren Verfassern, sammelte sie zur Veröffentlichung ein, setzte sie durch bei der Zensur. In dieser Weise war er als Literaturkritiker immer auch Vermittler.
Rund zehn Jahre später, regte er einen Dialog der Literaturen an. Er bat junge rumänische Dichter der sogenannten 80er Generation um Stellungnahmen zu einer von Peter Motzan herausgegebenen Anthologie ins Rumänische übersetzter rumäniendeutscher Lyrik. Mircea Cărtărescu arbeitete in seiner Antwort die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Literaturen heraus, um dann fortzufahren: „Erst von nun an wird … ein Dialog zwischen den beiden Modalitäten des Dichtens stattfinden können.“
Auch diese literarische Begegnung hatte Folgen, wie das Resümee der Dichterin Nora Iuga aus dem Jahr 2004 belegt: „In den 80er Jahren versuchte der junge Lyriker, den Vorhang von der Wirklichkeit zu reißen … der verbotene Zugang reizte uns, die Türen aufzubrechen … Richard Wagner stellte offen und deutlich die Frage: ´Was ist Wirklichkeit?` Ich möchte nicht verschweigen, daß die rumänische Lyrik, die vor der Metapher, vielleicht auch wegen der Zensur, immer noch den Hut zog, damals einiges in diesem Sinne von den rumäniendeutschen Lyrikern gelernt hat.“
Neue Aufgaben der Vermittlung übernahm Gerhardt Csejka nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik. 2006 etwa gab er die gesammelten Gedichte Rolf Bosserts heraus, der sich zwei Monate nach seiner Ausreise aus Rumänien, im Februar 1986, das Leben genommen hatte. Csejkas Nachwort kreist in erster Linie um die Schwierigkeiten der Rezeption eines poetischen Werks, dessen Bezugsfeld nur wenig bekannt, dessen historischer Kontext mit der Revolution von ´89 eben auch nur noch: historisch ist, und macht es sich zur Aufgabe, die Verständnis-Grenze erklärend aufzuheben.
Csejka kam selbst, kurze Zeit nach dem Tod seines Freundes, in die BRD. „Auf hellem Feld ein Gartenzwerg/ Daneben stampft die Industrie/ Ein Kunststoffgalgen auf dem Berg/ Ein Land geht langsam in die Knie“ – so hatte Bossert die kommunistische Heimat in seinem Vierzeiler besungen. Diese Heimat verlassen zu haben, in der Csejka, wie er heute weiß, bereits auf der schwarzen Liste der Securitate stand, war eine Erlösung – die Heimat verlassen zu haben, auch ein Verlust. Selbst für ihn, dem die Sentimentalitäten der Heimatliteratur ein Graus waren und der sich durchaus eine freiere Existenz vorstellen konnte, als die der „bereiften Zungen“, die in den „Knusperhäuschen des Widerstands“ (Bossert) umgehen.
Csejka ließ sich in einem Land nieder, dessen Sprache seine Muttersprache war. Paradoxe Fremdheit, paradoxe Nähe. Es war noch nicht einmal wie in dem berühmten Bonmot des Karl Kraus, das, was Deutsche und Österreicher von einander trenne, sei die gemeinsame Sprache.
Nicht nur die gemeinsame Sprache trennte. Csejka sah bald ein, daß sein Gefühl, die westlichen Gesprächspartner zu verstehen, offenkundig auf einem Miß-Verständnis beruhte. An der Erfahrung des Ausgeschlossenseins änderte diese Einsicht freilich nichts.
Im hiesigen Feuilleton faßte der Literaturkritiker nie wirklich Fuß. Stattdessen übernahm er die Redaktionsleitung der Zeitschrift Neue Literatur/Neue Folge, die als deutschsprachiges Forum der süd- und mittelosteuropäischen Literatur: „Querverbindungen“ stiften sollte. Dabei ging es Csejka um die Vermittlung des Fremden und Anderen, nicht um die des Bekannten; um osteuropäische Texte, die sich nicht den westlichen Sprachgebräuchen angepaßt haben, sondern auf ihren Eigenheiten beharren; kurz: um eine Literatur, die durchaus quer zu unserer Literaturerfahrung steht – diese Intention schwang bei dem Begriff „Querverbindungen“ eben auch mit.
Trotz positiver Besprechungen mußte Csejka Ende der 90er Jahre die chronisch unterfinanzierte Zeitschrift einstellen. An diesen „Querverbindungen“ zeigte der hiesige Literaturbetrieb dann eben doch kein verschärftes Interesse. In der falschen, bis heute herrschenden Annahme, Osteuropa sei strukturell, kulturell und moralisch mit Westeuropa kompatibel, wenn nicht sogar identisch, der Osten sei also der Westen nur ohne Wohlstand (Traian Ungureanu), lebte und lebt es sich entschieden bequemer.
Aufgrund seiner Biografie und seiner Erfahrung vermittelt Gerhardt Csejka die fremde Sache in eigener Sache. Er ist nicht einfach der Vermittler zwischen den Kulturen.
Dieser „intermediarul“ ist selber ein „Dazwischenstehender“. Er ist auch nicht einfach nur Übersetzer. Als Redakteur hat Csejka Übersetzungen, mit denen er unzufrieden war, lektoriert, was bereits ein literaturkritisches Geschäft ist, und gegebenenfalls neu übersetzt. Als Übersetzer hat er sich kritisch – und literaturtheoretisch – mit Autoren auseinandergesetzt, die er ins Deutsche brachte, beispielsweise mit Mircea Eliade. Der „dazwischenstehende“ Csejka kennt den kulturellen Kontext der Texte, die er übersetzt, denn er ist auch sein eigener.
Er hat die Geburt einer jungen rumänischen Dichtergeneration, der Optzecisti, miterlebt, zu der auch Mircea Cărtărescu zählt. Die 80er Generation dürstete nach „Querverbindungen“ zu Literatur und Theorie, die jenseits des Eisernen Vorhangs im Schwange waren. In den Kreisen der jungen Bukarester Schriftsteller diskutierte man leidenschaftlich über die Postmoderne, vielleicht leidenschaftlicher als in Paris, und definierte auch die eigene Literatur als „postmodern.“ Doch das „anything goes“ besaß in einer Gesellschaft des „anything matters“ alles andere als Beliebigkeitscharakter.
Sich die europäische Kultur anzueignen, war für die jungen rumänischen Autoren eine schiere Notwendigkeit. Dabei ging es nicht um das traditionell unterwürfige Verhältnis gegenüber der sogannten „großen“ – sprich: westlichen – Literatur durch die sogenante „kleine“, die Literatur am Rand.
Schon im Titel seines Essays Europa hat die Form meines Gehirns kündigt Mircea Cărtărescu an, daß er zu Unterwürfigkeit nicht bereit ist. „Die Bücher, die ich schreibe, sind nicht von irgendwelchen Lämmchen der rumänischen Folklore oder von orthodoxen Rosenkränzen geprägt, sondern von Dantes Sternen, John Donnes Kompaß, der Lanze des Cervantes, von Kafkas Käfer, Prousts Madeleine, dem Butt des Günter Grass.“
Nun könnte man meinen, daß solche Bestimmungen der Betonung des Eigenen geradezu widersprechen. Das Gegenteil ist richtig. Dieses Eigene läßt sich nämlich in keine südosteuropäische Schublade sperren. Dieses Eigene besteht auch nicht aus einer Literatur, die von der Securitate, Ceausescu oder den streunenden Hunden Bukarests handelt. Nur westliche Ignoranz kann vom rumänischen Autor erwarten, jene Klischees zu wiederholen, die über sein Land sowieso schon im Umlauf sind.
Cărtărescu weigert sich, die Einteilungen und Unterteilungen, die mentalen Grenzen anzuerkennen. Diese Weigerung zeichnet auch Die Wissenden aus, sowohl inhaltlich als auch strukturell. Sein Buch schleift die Grenzen von Organischem und Anorganischem, von Materie und Geist, Innen und Außen, Ich und Welt, Realität und Traum ebenso wie die von Erzählung und Reflexion, Erfahrung und Imagination.
Doch ist es die leidvolle Erfahrung der Grenzen, die zu ihrer Aufhebung zwingt. Cartarescus Roman dreht den Spieß einer traumatischen Erfahrung des Auf-Sich-Selbst-Zurückgeworfenseins in beispielloser Kühnheit um. So erkennt der Erzähler in der Tätowierung Ancas zwar „ALLES“, aber dieses Alles hat – sein Gesicht. „Als ich geradewegs ins Herzstück der Fontanelle schaute, erblickte ich mein Gesicht wie von einem konvexen Spiegel reflektiert … doch jeder Zug darin (war) durch zahlreiche winzigste Zeichnungen umrissen, die … ebenfalls aus Zeichnungen zusammengesetzt waren.“
Um es mit Cărtărescu zu sagen: Europa, die Welt, das Universum haben die Form seines Gehirns. Sein Roman ist der grandiose Versuch, vom eigenen Ich und durch das eigene Ich hindurch – einem Ich am kulturellen östlichen Rand – in die Mitte der Welt vorzudringen. Es zielt auf totul, das Ganze, buchstäblich Alles. Im Medium der Sprache erschafft sich das komplex mit dem Autor vermittelte, aber nicht mit ihm identische Erzähler-Ich eine universelle texistenta.
Freilich: Im Medium der rumänischen Sprache. Und darin verbirgt sich ein geheimes Skandalon. „Jene unter den rumänischen Autoren“, schreibt Cărtărescu, „denen es gelang, die Mentalitätsgrenzen zwischen Ost und West zu überwinden, haben sich am europäischen Kulturhimmel als Sterne erster Größe erwiesen: Tzara, Ionescu, Cioran. Doch sehr viele andere – die zumindest in einigen Fällen nicht schlechter waren als sie – verfingen sich in der süßen Falle einer unendlich ausdrucksstarken und eben deshalb unübersetzbaren Sprache: Urmuz, Arghezi, Blaga sind Unbekannte geblieben.“
Was Cărtărescu hier nicht verrät: Zu Sternen am europäischen Kulturhimmel konnten Ionesco und Cioran nicht zuletzt deshalb werden, weil sie auf Französisch schrieben.
Es bedarf der Übersetzung, der Übersetzungen, um die letzte Konsequenz aus Cartarescus Werk zu ziehen: Die Aufhebung der Grenze zwischen den Sprachen.
Gerhardt Csejka teilt mit dem Autor wesentliche Erfahrungen. Dazu gehört die Erfahrung der Beziehung zwischen den vermeintlich kleinen und den angeblich großen Literaturen, zwischen Peripherie und Zentrum. Die Notwendigkeit, Grenzen zu überwinden, ist dem Grenzgänger Csejka ebenso vertraut wie Mircea Cărtărescu.
Csejka, ein Kenner der Besonderheiten der jungen rumänischen Literatur, hat in seiner Übersetzung des Romanwerks Orbitor. Aripa stanga das „Echo des Originals erweckt“, wie Walter Benjamin es nennt, ohne die Differenzen einzuebnen. Er hat die Sprach-Grenze aufgehoben, indem er sie vernichtete und in reflektierter Übersetzerarbeit gleichzeitig bewahrt hat. Er hat sich, wie gesagt, von den Flöhen küssen lassen – den Flöhen der Nuance und Differenz, den Flöhen der kulturellen Eigenheiten. Darüber hinaus hat er diese Flöhe dem Zsolnay-Verleger Herbert Ohrlinger ins Ohr gesetzt. Daß er „in einer Gesellschaft, die die falschen Ohren ausbildet und mit Vorliebe das Falsche hört“ (Csejka), dabei auf einen Verleger traf, der nicht harthörig reagierte, ist ein ganz entschiedenes Glück – für Mircea Cărtărescu und die rumänische Literatur, und noch mehr für uns, die deutschen Rezipienten.
Gerhardt Csejka hat, manchmal am Rand einer anderen, so banalen wie kruden Grenze: nämlich der der Existenz, dem literarischen Elementareignis Die Wissenden dazu verholfen, seinen Anspruch auf „ALLES“ zu bekräftigen.
Der Übersetzerpreis 2008 der Kunststiftung NRW bedeutet verdiente Anerkennung und Ermutigung. Aber wir wollen nicht schamhaft verschweigen, daß es sich auch um einen Geldpreis handelt, der Gerhardt Csejka in die Lage versetzt, an der Übersetzung der Romantrilogie weiterzuarbeiten und damit fortzufahren, die Sprach-Grenze aufzuheben.
Laß Dich also, lieber Gerhardt, auch von diesen Flöhen – küssen!