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Dr. Barbara Kleiner


Dankrede


 

 

Gelobt und ausgezeichnet wurde meine Übersetzung der Confessioni di un italiano von Ippolito Nievo in erster Linie wegen der geglückten Wiedergabe von Vielstimmigkeit. Damit hat die Jury ein für diesen Autor konstitutives Moment herausgehoben und gewürdigt: Vielstimmigkeit ist für Ippolito Nievo ein zentrales Motiv, der Begriff meint bei ihm zugleich ein sprach-politisches Programm und ein ästhetisches Prinzip. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um diesen Begriff zumindest andeutungsweise zu erläutern.

 

 

Ippolito Nievo, 1831 in Padua geboren, war Venezianer. Wie Carlo Altoviti, der Held und Ich-Erzähler seiner Bekenntnisse, hätte er von sich sagen können: „Als Venezianer wurde ich geboren und werde, so Gott will, als Italiener sterben.“ Der hier ausgesprochene Wunsch sollte sich weder für den Romanhelden noch wie für seinen Autor erfüllen: Altoviti läßt seine Aufzeichnungen 1855 enden, und Ippolito Nievo fand 1861, kaum dreißigjährig, einen tragischen und mysteriösen Tod, also noch bevor Venetien 1866 dem italienischen Königreich eingegliedert wurde. Der Einigung Italiens galt Nievos ganzes Streben, diesem Ziel hat er nicht nur seinen großen Roman, sondern auch sein Leben gewidmet: Seinen frühen Tod fand er im Dienste Garibaldis, an dessen Spedizione dei mille in Sizilien er teilgenommen hatte; beauftragt, die Buchführung über den Feldzug nach Turin zu bringen, war er von Palermo aus nach Neapel unterwegs, wo er nie ankam, weil das Schiff spurlos versank. Wir sehen also einen jungen Mann voller Tatkraft und mit ausgeprägtem politischem Impetus vor uns, weshalb Benedetto Croce es für fraglich hielt, ob Nievo, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen, Dichter geblieben wäre, oder ob er nicht Politiker geworden wäre, der gestaltend in die Wirklichkeit eingreift. Die Frage läßt sich mit einiger Berechtigung stellen, darüber zu spekulieren ist jedoch müßig.

 


Nicht nur politisch, auch sprachlich zerfiel Italien zu Nievos Zeit in viele Teile, jede Region war in ihrem Dialekt befangen, so auch Venetien. Wie jedes regionale Idiom weist auch der venezianische Dialekt einen eigenen Wortschatz auf und ist gekennzeichnet durch eine sehr weiche, schleppende Intonation, eine melodiöse, teils etwas süßliche Sprechweise. Den Dialekt der gesprochenen Sprache wie sein Landsmann Goldoni verwendet Nievo nicht, aber in den Bekenntnissen ist die dialektale Färbung in einigen lexikalischen Besonderheiten, vor allem aber im Rhythmus und in der Satzmelodie unverkennbar. Das unterläuft dem Autor nicht, sondern ist Programm. In seinem Aufsatz „Über die Volksdichtung, insbesondere in Italien“ gibt Nievo einen Abriß der Entwicklung der Poesie der Völker, die er mit den Veden, Ossian, Homer und der Kalevala beginnen läßt. Ganz ähnlich wie Herder erblickt Nievo in diesen frühen Dokumenten die spontane Poesie der Völker. Mit der Herausbildung einer gelehrten und höfischen Dichtungssprache geht diese spontane Volkspoesie verloren, sie lebt dann nur noch in den Dialekten weiter. Die sind gleichsam Speicher, worin das Wissen, die Bräuche, die Poesie, kurz: die Traditionen des Volkes aufgehoben sind, und diese gilt es zu bewahren, so Nievo.

 

 

Damit ist er natürlich Antipode zu dem anderen großen italienischen Prosaautor des 19. Jahrhunderts, zu Alessandro Manzoni. Der verfolgt sprachpolitisch betrachtet die genau entgegengesetzte Tendenz, wenn er seine Promessi sposi in ein toskanisches Italienisch kleidet, das als Hochsprache des geeinten Landes propagiert und durchgesetzt werden sollte. Nievo bewunderte und verehrte den Schriftsteller Manzoni, doch wo er für Vielstimmigkeit plädiert, geht er in Opposition zu ihm. Letztlich stehen hinter diesen divergierenden sprachpolitischen Positionen natürlich unterschiedliche politische Vorstellungen davon, in welcher Staatsform die nationale Einheit angestrebt werden sollte. Für Manzoni, einen Mann der – geographisch wie politisch - ausgewogenen Mitte, war das die Monarchie, für Nievo, den Angehörigen einer sehr alten Republik am Rande Italiens, eine neue Republik. Die Geschichte sollte Manzoni recht geben - Italien wurde geeint als Monarchie -, und sein Roman ist bis heute fester Bestandteil des literarischen Kanons, Pflichtlektüre für alle Schüler an weiterführenden Schulen. Nievos Roman hingegen ist selbst literarisch halbwegs gebildeten Italienern fast nur aus Anthologien bekannt – und erleidet damit das Schicksal, das alle historisch unterlegenen Formen trifft: Verdrängung und Vergessen.

 


Doch nicht nur sprach-politisch Bewahrung der  Dialekte strebte Nievo an, die Bekenntnisse sind auch in sich ein Kosmos der vielen Stimmen, Vielstimmigkeit ist also auch ästhetisches Prinzip. Im Roman kommen so grundverschiedene Personen zu Wort wie Carlino und seine Peinigerin die Gräfin, die kapriziöse Pisana oder ihre fromme Schwester Clara, die alte Gräfin Badoer oder Napoleon höchstpersönlich, der kluge Lucilio und der blinde alte Martino, und zur Schilderung von Militäraktionen, kindlichen Liebesidyllen, abenteuerlichen Fluchten oder authentischen historischen Ereignissen wie dem Einzug der napoleonischen Truppen in Venedig oder der Hinrichtung der neapolitanischen Revolutionäre 1799 werden ganz unterschiedliche Töne angeschlagen, pathetische, komische, lyrische, tragische.

 

 


Dieser polyphone Kosmos stellt natürlich höchste Anforderungen an die Übersetzung. Während die dialektale Färbung gar nicht wiedergegeben oder nur sporadisch und mit anderen Mittel angedeutet werden konnte, war angesichts der inneren Stimmenvielfalt das ganze Können gefragt. In der eigenen Sprache mußte das der jeweiligen Stimme und Tonlage entsprechende Register präzise ausgemittelt und angemessen gestaltet werden. Dabei habe ich es mir zum Grundsatz gemacht, nicht auf frühere Sprachformen zurückzugreifen, obwohl ich es mit einem 150 Jahre alten Text zu tun hatte.

 

Im Lauf der über zweijährigen Arbeit war es geradezu unvermeidlich, so tief in den Text einzudringen, daß auch dessen matte oder tote Stellen als organisch zum Ganzen gehörig erkennbar wurden. Solche schwachen Stellen finden sich vor allem im zweiten Teil des Romans, es handelt sich dabei zumeist um patriotische Überlegungen des Helden oder anderer Personen. Die Weitschweifigkeit und das hohe rhetorische Pathos in solchen Passagen sind heute nur noch schwer nachzuvollziehen, und sie wurden in den beiden früheren Übersetzungen von 1877 und 1956 weitgehend herausgekürzt.

 

 

Gerade in ihnen aber erschließt sich meines Erachtens einem vertieften Blick der geheime Glutkern, der diesen vielstimmigen Kosmos in all seinen Teilen durchstrahlt und zusammenhält. Es ist der bedingungslose Glaube des jungen Autors an eine Einheit Italiens in Form der Republik, wie Giuseppe Mazzini sie entworfen hat und propagierte. Mazzinis Giovine Italia setzte sich in Bünden und Geheimbünden für die Einigung Italiens ein, als Form des Zusammenschlusses strebte sie die Assoziation von Freien und Gleichen an, bekämpfte folglich die Monarchie. Gedanklich war für Mazzini die Möglichkeit eine solchen Assoziation in Gott verbürgt: Er hat die Menschen, seine Kinder, als freie, gleichberechtigte Brüder geschaffen. Von hierher, einer radikalen politischen Utopie im Namen Gottes, erklärt sich einerseits das patriotische Pathos, das den zweiten Teil der Bekenntnisse etwas belastet, andererseits aber auch einige, auf den ersten Blick befremdliche Details auf der Handlungsebene, vor allem das eigenartige Geschick Carlo Altovitis selbst.

 

 

Die sein ganzes Leben prägende Liebe zu Pisana bleibt weder unerwidert noch unerfüllt, und sie ist auch nicht zum tragischen Scheitern verurteilt. Und doch kommen die beiden Liebenden nicht zusammen: Pisana geht eine von konventionellen Rücksichten diktierte Verbindung mit einem alten Adligen ein, ihrem geliebten Carlino aber brummt sie eine Vernunftehe auf. Das scheint zu besagen, daß es für die Erfüllung der einen wahren Liebe keine irdische, oder besser: keine real existierende Form der Verwirklichung im bürgerlichen Leben gibt. Wie das geeinte Vaterland bleibt auch sie in den Horizont der Utopie gerückt. Was hienieden zu tun bleibt, ist Pflichterfüllung – ebenfalls ein Schlüsselbegriff  Mazzinis. Croce hatte an Nievos Bekenntnissen bemängelt, daß dem Roman die innere Einheit fehle; vom Horizont der Mazzinischen Ideen her betrachtet, hat er die sehr wohl, freilich im Zeichen einer radikalen und daher negativen Utopie, die keine hierarchische Ordnung der Stimmen erzwingt, sondern sie als je einzelne ganz zur Geltung bringt.

 

 

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Ich danke Horst Lauinger vom Manesse Verlag, daß er geglaubt hat, mir die große Herausforderung zumuten zu können, ein so vielstimmiges und historisch schwer befrachtetes Werk zu übersetzen - eine Aufgabe, von der ich anfangs nicht sicher war, ob ich sie meistern würde. Eine unschätzbare Hilfe war mir im Lauf der Arbeit Brigitte Palm. Als meine allererste Leserin hat sie mich diese zwei Jahre hindurch treu begleitet, ihre Kritik und ihre Anregungen waren mehr als sachliche Hilfe,  auf dieser langen Strecke wurden sie immer wieder auch moralische Ermunterung und Stütze, und dafür möchte ich ihr an dieser Stelle sehr herzlich danken, auch wenn sie leider nicht persönlich anwesend sein kann. Das dann folgende sorgfältige Lektorat durch Herr Lauinger ist insofern dankbarer Erwähnung wert, als es heute überhaupt keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Als die Übersetzung dann fertig vorlag, war mir wohl klar, daß dies mein Meisterstück ist, worin man der Zunft das Optimum des eigenen Könnens vorführt. Das Lob, das mir mit dem Preis der Kunststiftung NRW dafür ausgesprochen wird, ist ein in più, es kam unerwartet, und ich betrachte es als hohe Auszeichnung und Ehre.   

 

 

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Neben, während und bei der Übersetzungsarbeit war es überaus lehrreich und erfrischend für mich, die Bekanntschaft eines so glühenden Demokraten und tatkräftigen jungen Mannes wie Ippolito Nievo zu machen, der in mancher Hinsicht als italienischer Schiller gelten könnte, was hochgespannten Idealismus, Radikalität der Meinung und auch rasches Verzehren der knapp bemessenen Lebenszeit betrifft. Leichter jedoch als jener, mit weniger tiefem Ernst, doch nicht geringerer Entschiedenheit, voller Humor, jugendlichem Übermut und leidenschaftlicher Tatkraft, ist Nievo Vertreter einer Tradition in der italienischen Geistesgeschichte, die oft im Verborgenen bleibt, die das intellektuelle Leben des Landes aber immer wieder befruchtet und ihm richtungweisende Impulse gegeben hat. Ich meine jene Traditionslinie, die sich von den lombardischen Aufklärern über die neapolitanischen Revolutionäre 1799, die Vordenker und Kämpfer des Risorgimento und der Resistenza und vielleicht bis hin zu Adriano Sofri ziehen läßt.

 

 

Es ist eine Tradition eines radikalen Freiheitswillens, der nicht nur gedanklich bleibt, sondern auch zur Tat schreiten kann, verbunden mit bedingungsloser Opferbereitschaft. Oft freilich wird diese Tradition verdeckt und überlagert von dem habituellen Zynismus, womit man in Italien der Macht gern begegnet und sie handhabt. Diese andere Traditionslinie eines unbedingten, hellen und tatkräftigen Freiheitsstrebens, die sich auf das republikanische Rom beruft und vermutlich auch bis dort zurückreicht, diese Tradition und damit ein anderes als das gewöhnliche Italien kennengelernt zu haben, das ist mein Gewinn aus dieser Übersetzung, und den verdanke ich dem Autor, Ippolito Nievo selbst.