Ein schmucker Herr in Uniform, Spitzbärtchen, unternehmungslustig in die Höhe ragender Haarschopf, prüfender Blick, ein offenes, kluges Gesicht – so schaut uns der italienische Schriftsteller Ippolito Nievo von zeitgenössischen Porträts an. Eine stille Energie geht von diesem Mann aus, man kann schon ahnen, dass er eine tatkräftige Person gewesen sein muss, eine Person, für die Denken, Schreiben und Handeln ein und dasselbe waren.
In Gesellschaft dieses faszinierenden Herrn hat unsere Preisträgerin Barbara Kleiner zweieinhalb Jahre lang verbracht. Sie wird mit ihm diskutiert, sich amüsiert, unter ihm gelitten, mitunter auch gestritten haben. Es wird eine vielschichtige Beziehung gewesen sein. Eine ungemein produktive war es in jedem Fall, denn am Ende ist Barbara Kleiner zu Ippolito Nievos deutscher Stimme geworden.
Zu einer mitreißenden, phantasievollen, mit verschiedenen Timbres ausgestatteten Stimme. Barbara Kleiner ist ein Glücksfall für Nievo. Bekenntnisse eines Italieners heißt sein farbenprächtiger Roman über die Phase der italienischen Einigung, der 1858 in wenigen Monaten niedergeschrieben wurde und 1867 nach Nievos tragischem Unfalltod postum erschien. Es gibt keine bessere Quelle, um sich über die wechselvolle Geschichte Italiens unterrichten zu lassen. Und vor allem: keine bezwingendere.
Gemächlich und mit tiefgründigem Humor entwirft Carlo Altoviti, der lebenssatte achtzigjährige Held der Bekenntnisse, das Panorama seines bewegten Lebens. Abwechselnd vermeint man, sich in einem idyllisch-ländlichen Dorfroman, einer bissigen Milieustudie, auf einem Historiengemälde, in einem Liebesdrama, in einer Abenteuergeschichte oder mitten in einem Erziehungsroman zu befinden. Von dem Ambiente seiner Kindheit, die Carlo als ungeliebtes Anhängsel einer adligen Familie auf Schloss Fratta verbrachte, am äußersten Zipfel der Republik Venedig auf der Terra Ferma gelegen, verlagert sich die Handlung in die Serenissima, wo der gebeutelte Held seinen bis dahin unbekannten Vater kennen lernt. Dieser Vater entpuppt sich als einflussreicher Angehöriger der venezianischen Oligarchie und macht seinen Sohn zum Akteur der Führungsschicht. Als Venedig 1806 zum zweiten Mal fällt, flieht Carlo vor der österreichischen Besatzungsmacht in die cisalpine Republik nach Mailand, tritt für die Idee der italienischen Einheit ein, gerät immer wieder in die Ströme der Zeitläufte hinein und bemüht sich nach Kräften, nicht zum Spielball zu werden, sondern ein Handelnder zu bleiben. Vom Schicksal unseres Helden und von Barbara Kleiners musikalischer Übertragung in den Bann geschlagen, lassen wir uns bereitwillig auf alle Verzweigungen und Verästelungen der Bekenntnisse eines Italieners ein, machen die Bekanntschaft mit einer ganzen Helden-Kompagnie, folgen Carlo quer über die Halbinsel bis nach Rom, Neapel und schließlich ins Exil, fürchten um ihn im Kampfgetümmel und amüsieren uns über seine vertrackten Liebesverwicklungen mit der betörenden Pisana, seiner Cousine.
Historie und privates Dasein scheinen sich mit ihren Zuspitzungen wechselseitig zu übertrumpfen. Der dramaturgische Dreh- und Angelpunkt des Werkes sind die verschiedenen Ausprägungen der Liebe: Carlos Liebe zu den noch unvereinigten Ländern der Halbinsel und seine Liebe zu der ebenso berückenden wie kapriziösen Pisana. Mit der gleichermaßen geschwätzigen, koketten, schlagfertigen, couragierten und intelligenten Pisana hat Ippolito Nievo eine der schönsten Frauengestalten der italienischen Literatur geschaffen. Gerade an dieser Figur lässt sich die überraschende Modernität Nievos erkennen. In ihrer Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit steht uns Pisana heute viel näher als die ungleich berühmtere Lucia von Alessandro Manzoni aus den Brautleuten, ein sanftmütiges Geschöpf und der Inbegriff von Güte, die dem Ideal katholischer Weiblichkeit entspricht. Pisana wirkt zwiespältiger, und damit lebendiger.
Es ist der Geist dieser Figur, der auch in Barbara Kleiners Übersetzung herrscht. Etwas Lebendiges, Schöpferisches und immer wieder Überraschendes. Barbara Kleiner packt Ippolito Nievo und sein Personal direkt am Schopf und katapultiert sie in die deutsche Sprache hinein. Und sie folgt Ippolito Nievo auch in seinem ästhetischen Wagemut. In Nievos wuchtigem 1600-Seiten-Epos verschmelzen nicht nur verschiedene Genres, die vom historischen Roman über die Chronik bis zum Abenteuerroman reichen, sondern der damals 27jährige Schriftsteller wagt es vor allem, ein stilistisch hybrides Werk vorzulegen. Die Bekenntnisse eines Italieners tragen experimentelle Züge, sie sind, um mit Umberto Eco zu sprechen, ein offenes Kunstwerk. Nievos Entscheidung für ein volkstümliches Italienisch in einer Zeit, in der man über die Frage stritt, auf welche Schriftsprache sich das gerade im Entstehen begriffene Italien stützen sollte, ist ein enormes Politikum (über das uns gleich noch Barbara Kleiner ausführlicher Auskunft geben wird).
Ippolito Nievo ist ein früher Vertreter stilistischer Polyphonie, mischt gehobene und niedere Ausdruckweisen und wartet mit einer Fülle von verschiedenen Soziolekten auf, bei ihm kommen dialektale Einsprengsel vor, die Syntax ist häufig der gesprochenen Sprache nachgebildet. Der junge Schriftsteller schaute dem Volk aufs Maul, was in einem Land, in dem auch im 19. Jahrhundert noch die alte questione della lingua, die Sprachenfrage aus dem Cinquecento, diskutiert wurde, bemerkenswert ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass in Italien zu Dantes Zeiten eine starke Diglossie herrschte, eine Zweisprachigkeit: das Lateinische war die Sprache der Gelehrsamkeit, die Volkssprache war die Sprache der Minnedichtung. Weil die Humanisten mit ihrem Kultus des Lateinischen und der Verdammung des volgare dann Überhand gewannen, verschwand die literarisch gebrauchte Volkssprache für 200 Jahre in der Versenkung.
Im Streit um die geeignete Sprache entschied man sich im Cinquecento für ein historisch weit entferntes Sprachideal, das nur mit Hilfe von Nachahmung erlernt werden konnte: für das toskanische Italienisch von Petrarca und Boccaccio. Unter diesem Diktum stand auch noch Alessandro Manzoni mit seiner Sehnsucht nach sprachlicher Reinheit. Umso bemerkenswerter ist Nievos Faible für die volkssprachlichen Diversitäten. Bei ihm herrscht eine Feier der Verschiedenheit, und das macht einen großen Teil seiner Vitalität aus.
Gerade wegen der vielen verschiedenen Sprachebenen und Register stellt Nievos Roman für einen Übersetzer eine besondere Herausforderung dar. Sein Werk verlangt die Kenntnis historischer Zusammenhänge und verschiedener Wirklichkeitsbezüge, es verlangt eine Fülle an Weltwissen und eine große Variabilität in der Zielsprache. Barbara Kleiner verfügt über all das. Ihre Übertragung der Bekenntnisse eines Italieners ist eine Meisterleistung. Sie gibt dem achtzigjährigen Autobiographen eine unverwechselbare Stimme mit einer leise vibrierenden Ironie irgendwo im Umfeld von Jean Paul und Heinrich Heine. Zwei Mal ist Nievo zuvor ins Deutsche übertragen worden: Isolde Kurz legte zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans eine Übersetzung vor, die allerdings stark gekürzt war und lediglich die Handlung wieder gab. Charlotte Birnbaum, eine hochverdiente Vermittlerin der italienischen Literatur in Deutschland, brachte 1956 die zweite, immer noch leicht geraffte Fassung unter dem Titel Pisana heraus.
Walter Benjamin spricht in seinem berühmten Essay Über das Übersetzen vom Wandel der Sprache und dem „Nachreifen“ der festgelegten Worte. „Denn in seinem Fortleben, das nicht so heißen dürfte, wenn es nicht Wandlung und Erneuerung des Lebendigen wäre, ändert sich das Original“, heißt es bei Benjamin, „Wie Ton und Bedeutung der großen Dichtungen mit den Jahrhunderten sich völlig wandeln, so wandelt sich auch die Muttersprache des Übersetzers. Ja, während das Dichterwort in der seinigen überdauert, ist auch die größte Übersetzung bestimmt in das Wachstum ihrer Sprache ein-, in der erneuten unterzugehen“. Wir wissen, dass bestimmte Übersetzungen wie die Luther-Bibel und der Schlegelsch-Tiecksche Shakespeare nicht untergegangen sind und unsere Kultur ebenso geprägt haben wie Originaltexte. Dennoch kann man mit Benjamin sagen, dass sich jede Epoche ihre fremdsprachigen Klassiker neu erschließen, sie also auch neu übersetzen muss.
Ohne die Pionierleistung von Charlotte Birnbaum schmälern oder die Übersetzungen gegeneinander ausspielen zu wollen, stellt man bei einem Vergleich der beiden Versionen der Bekenntnisse fest, dass Barbara Kleiners Fassung ungemein frischer wirkt. Birnbaum arbeitet häufig mit verschachtelten Relativsätzen. Das verleiht dem Text mitunter etwas Getragenes, was im Original nicht zu spüren ist. Barbara Kleiner entschlackt den Satzbau, wodurch eine größere Unmittelbarkeit entsteht, die auch im Italienischen herrscht und etwas Sprühendes entfaltet.
Unsere Preisträgerin ist genauer und respektvoller im Umgang mit dem Urtext. Unvollständige Sätze in der wörtlichen Rede werden bei ihr nicht vervollständigt, sondern bleiben in ihrer Schroffheit und Plötzlichkeit erhalten, während Birnbaum gern glättet und harmonisiert. Bei Birnbaum heißt es zum Beispiel: „Hört zu, Aglaura“, begann er mit einer Stimme, die Ruhe zeigen wollte und doch den Sturm verriet, der in seinem Inneren tobte. „Hört zu bei der Liebe, die ich für Euch empfunden habe. Ich wollte Euch folgen, da setzte man mich gefangen. Im Gefängnis war jeder Tag, jede Minute erfüllt von dem Gedanken an die Flucht, damit ich Euch zurückreißen könnte vor dem Abgrund, an den Ihr gelangt. Endlich glückte es mir, zu entrinnen“. Barbara Kleiner übersetzt: „Hört zu, Aglaura, begann er mit einer Stimme, die gefasst klingen wollte, aber in der doch das Jähe und Schrille des Sturms mitschwang. „Hört, ob ich Euch geliebt habe…! Ich wollte Euch nacheilen, da warf man mich ins Gefängnis. Im Gefängnis sann ich Tag für Tag und Minute für Minute nur auf Flucht, um zu Euch zu eilen und Euch vor dem Abgrund zu retten, in den Ihr Euch stürztet. Endlich gelang es mir….!“.
Während Birnbaum nur vom inneren Sturm spricht und dessen Eigenschaften unter den Tisch fallen lässt, werden bei Kleiner, genau wie bei Nievo, dem Sturm bestimmte Attribute zugeordnet, nämlich das „Jähe und Schrille“, was schließlich die Prägnanz des Vergleichs ausmacht. Anders als Birnbaum erfindet Kleiner keine kausalen Zusammenhänge, sondern bleibt Nievo treu, bei dem der verzweifelt liebende Spiro vor Aufregung nur stammeln kann: „Ascoltatemi, se v’ho amato…“ und „Finalmente riuscii“ – eben nicht „endlich glückte es mir, zu entrinnen“, sondern in der Tat, wie von Kleiner gelöst, „endlich gelang es mir“. Birnbaums Lexik mit Begriffen wie „entrinnen, glücken, gefangen setzen“ strahlt etwas Gestelztes aus – man vermeint die fünfziger Jahre mit ihren Kaltschalen und Käsehäppchen förmlich zu riechen. Auf verstaubt wirkende Formulierungen wie „mich dünkt“, die Birnbaum sehr häufig als eine Art Marker für die Historizität des Textes verwendet, verzichtet Kleiner ganz. Vor allem in der Figurenrede beweist Barbara Kleiner ein geradezu mimetisches Talent und scheint mit der leidenschaftlich-wilden Pisana, dem sich in Floskeln ergehenden Pater oder der sauertöpfischen Gräfin zu verschmelzen. Ein Gespräch zwischen Pater und Gräfin beginnt bei Charlotte Birnbaum so:
„Pater, es muss ein großes Glück für Sie sein, einen Zögling zu haben, der Ihnen Ehre macht!“. Barbara Kleiner: „Pater, Sie dürfen sich recht glücklich schätzen, einen Zögling zu haben, der Ihnen so viel Ehre macht!“. Die Formulierung „Sie dürfen sich recht glücklich schätzen“ bildet den gefallsüchtigen, anbiedernden Charakter der Gräfin viel besser ab und ist näher am Original „ella è ben fortunato“. Der Pater erwidert in Bezug auf seinen viel versprechenden Zögling etwas später: „Guter Boden gibt gute Frucht, man braucht sie nur eben zu ernten, und magerer Boden gibt nichts, und wenn man ihn im Schweiße seines Angesichts von früh bis spät begießen wollte“, so Birnbaum. Bei Kleiner heißt es: „ein karger Boden gibt nichts her, wenn man ihn auch mit Kübeln voll Schweiß begießen mag“. Wieder findet Kleiner die Entsprechung für Nievos Bildhaftigkeit, der in der Tat von „secchie di sudore“ spricht, was Charlotte Birnbaum etwas verschämt und mit biblischen Anklängen ummodelt in ein „Begießen im Schweiße seines Angesichts“. Wenn bei Nievo gestottert wird, wird auch bei Barbara Kleiner gestammelt, wenn bei Nievo glutvolle Liebeserklärungen auf Carlo einprasseln, steht ihm Kleiner in Deftigkeit nicht nach. Bewundert habe ich immer wieder Barbara Kleiners komödiantisches Gespür: viele mundartlich gefärbten Dialoge geraten im Deutschen zu kurzweiligen Ping-Pong-Spielen. Dennoch herrscht bei ihr keine Pseudo-Modernisierung oder Anbiederung an unsere Ausdrucksweise.
Es ist das große Verdienst des Manesse-Verlages – und von Horst Lauinger – das Wagnis einer Neuübersetzung eingegangen zu sein. Eine Übersetzung ist auch immer eine Flaschenpost. Sie transportiert ein Werk aus einem bestimmten kulturgeschichtlichen Zusammenhang in einen anderen und erzeugt damit Fremdheit.
Das „Quasi-dasselbe-mit-anderen-Worten-Sagen“, wie Umberto Eco das Unterfangen des Übersetzens in seinem gleichnamigen Buch gelungen umschreibt, bringt zahlreiche Unwägbarkeiten mit sich. Das, was übersetzt wird, kann nur „quasi dasselbe“ sein, weil sich jeder Begriff nicht auf ein Ding an sich, sondern auf einen außersprachlichen Kontext bezieht: also auf eine bestimmte Zeit, auf bestimmte kulturelle, soziale und historische Umstände. Wer kennt sich schon in Deutschland, von einigen Historikern, Romanisten und Kunstgeschichtlern einmal abgesehen, im italienischen Risorgimento aus? Kaum jemand. Auch hier ist die Neuausgabe vorbildlich. Anders als in den ersten beiden Übersetzungen ist der Manesse-Band mit einem von Barbara Kleiner erstellten, äußerst instruktiven Anmerkungsapparat und mit einem erhellenden Nachwort von Klaus Harpprecht ausgestattet, was den Genuss der Lektüre vervollständigt. Übersetzen ist ein Akt des Verstehens und der Aneignung.
Barbara Kleiner hat ihre empfindlichen Sprachnerven unter Beweis gestellt. Der hermeneutische Prozess, den George Steiner in seinem Buch Nach Babel als eine Abfolge von Momenten des Vertrauens, des Eindringens, des Eingemeindens und schließlich der Restitution begriffen hat, wird von Barbara Kleiner mit beeindruckender Sensibilität betrieben. Sie atmet die fremde Stimme ein, formt sie um und verleiht ihr im Deutschen einen ganz eigenen Charakter und Glanz, ohne über den dialektisch-enigmatischen Rest des Fremden, der jedes Sprechen durchdringt und das Sprechen überhaupt erst zu einer lebendigen Angelegenheit macht, hinweg zu täuschen. Es gelingt ihr, Bedeutungen aufzubrechen und die Zielsprache neu aufzuladen. Ihr sorgfältiges „Quasi-dasselbe-mit-anderen-Worten-Sagen“ steckt voller Esprit und ist von großer Schönheit.
Barbara Kleiner zeigt sich als Sprach-Hüterin und Sprach-Erneuerin zugleich. Damit entspricht sie dem Humboldtschen Ideal, der Sprechen immer als ein Zurücklassen, Hinausgehen und Verändern des Weltverständnisses begriffen hat. Am Ende steht ein völliges Aufgehobensein von den Bekenntnissen eines Italieners in einem neuen Sprachzusammenhang – das so weit geht, dass man sich verblüfft fragt, ob Ippolito Nievo sein Werk nicht heimlich auf Deutsch geschrieben hat. Ippolito Nievo kann sich glücklich schätzen, dass er auf Barbara Kleiner gestoßen ist. Und wir können uns glücklich schätzen, mit Barbara Kleiner eine Mittlerin verschiedener Weltansichten zu haben, was sie bereits bei ihren Übertragungen von Primo Levi, Massimo Bontempelli, Elio Vittorini und Italo Svevo unter Beweis gestellt hat, eine Künstlerin in der Disziplin des „Quasi-dasselbe-mit-anderen-Worten-sagens“. Herzlichen Glückwunsch!