Helmut Frielinghaus, 1931 geboren, war Lektor und Verlagsleiter literarischer Verlage. Seit 1992 ist er freiberuflicher Lektor, Übersetzer und Journalist; er lebte von 1995 bis Ende 2001 in New York, jetzt in Hamburg.
Wäre der querköpfige Wissenschaftler Klaus Birkenhauer, der 1954/55 als Fulbright-Stipendiat in Amerika studierte und 1974 an der University of Wisconsin in Milwaukee ein kurzes Gastspiel als Lehrender gab, in den USA geblieben, hätte er eine glanzvolle Karriere als Universitätsprofessor gemacht: seine Methode, unfeierlich, aber leidenschaftlich, ohne Rücksicht auf Traditionen und Tabus, zu lehren und – immer kenntnis- und ideenreich - eine auf den Menschen, aufs Leben gerichtete Wissenschaft zu betreiben, seine Fähigkeit, sich auf die Arbeiten anderer einzulassen und (durchaus auch sehr praktischen) Rat zu geben, hätten ihn bei amerikanischen Studenten zu einem bewunderten und beliebten Prof gemacht. An einer amerikanischen Universität hätte man die abenteuerliche Vielfalt seiner Interessen und Ideen, Unternehmungen und Publikationen eher als etwas bei ihm Zusammengehörendes erkannt und zu würdigen gewußt.
Als Klaus Birkenhauer mit vierzig Jahren, kurz bevor er 1976, als Nachfolger von Helmut M. Braem, Vorsitzender der Übersetzersparte in der IG Druck und Papier und Präsident des VdÜ wurde, einen knappen tabellarischen Lebenslauf verfaßte, hängte er ein fünf Seiten umfassendes Verzeichnis seiner bis dahin erschienenen Bücher und Übersetzungen, wissenschaftlichen Aufsätze und literarischen Essays an und erwähnte pauschal „über 300 aktuelle Theater-, Kunst- und Buchkritiken“.
Die zehnbändige, von Elmar Tophoven und ihm bei Suhrkamp herausgegebene Ausgabe der Werke von Samuel Beckett war gerade fertig geworden, und die bereits 1971 bei Rowohlt erschienene Monographie „Samuel Beckett in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“ hatte sich zu einem Dauerseller entwickelt, was sie bis heute blieb. Beckett, der amüsiert Birkenhauers Wortbildungsgerät „Verbarium“ studiert hatte, empfing den recherchierenden Biografen und schrieb ihm später: „Dear Mr. Birkenhauer, Thank you for your book just received. I look forward to reading it when my eyes are better, i.e. soon. Having met you I am without apprehension. With all good wishes, yours sincerely Samuel Beckett.”
Klaus Birkenhauer, 1934 in Essen geboren (daher mit Ruhrgebietsdeutsch vertraut), lernte auf seinem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium auch Latein und studierte dann zwischen 1954 und 1961 Germanistik, Philosophie und Anglistik / Amerikanistik. Da waren die Würfel schon gefallen: Literatur, nicht Musik. (Ursprünglich hatte er Pianist und Dirigent werden wollen.)
Als wißbegieriger, dankbarer, auch aufmüpfiger Schüler des Tübinger Literturwissenschaftlers Friedrich Beißner promovierte er 1970 mit einer Arbeit über „Die eigenrhythmische Lyrik Bertolt Brechts“. Als freier Schriftsteller, der verheiratet war und zwei Kinder hatte, also Geld verdienen mußte, verfaßte er gleich darauf das Buch „Schreib-Training – klar und wirksam formulieren“ (1972), eine für Nicht-Schriftsteller im Berufsalltag gedachte Schreibanleitung, die auf Sprachstatistik beruhte und Wörter empfahl, die „garantiert von vielen verstanden werden“.
Klaus Birkenhauer hatte ein realistisches, das heißt ein aufrichtiges Verhältnis zum Geldverdienen. Arbeit, Zeitaufwand und Verdienst sollten immer in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen, eine Forderung, die er, dem Geld wenig bedeutete, für andere vertrat. Als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbands verhandelte er für Autoren und Übersetzer mit dem Börsenverein jahrelang geduldig, aber hartnäckig über Normverträge. „Es waren die Jahre, in denen die Übersetzer den ‚aufrechten Gang’ lernten“ (Helga Pfetsch).
Bei einem Seminar in Straelen über das Übersetzen von Gedichten drängte er die Teilnehmer, den Arbeitsvorgang auch im Hinblick auf Zeit und Geld zu rationalisieren. Einer anderen, hochbedeutsamen Rationalisierung der schriftstellerischen und übersetzerischen Arbeit diente sein sehr frühes Interesse für Datenverarbeitung. Er sah als erster die Bedeutung des Computers für Autoren und Übersetzer sowie für Verlage zu Zeiten voraus, als alle geistig Tätigen beim Gedanken an den Rechner die Nase rümpften, und stiftete Kollegen an, Wang-Computer, die er besorgte, auszuprobieren. Immer auf Vollständigkeit und aufs Praktikable bedacht, programmierte er fremdsprachige Zeichensätze für polnische, russische, israelische Gäste des Kollegiums und sorgte überdies für optimale Lesbarkeit am Bildschirm.
Sein inniges Verhältnis zur Sprache schloß immer eine intensive mathematische Beziehung ein, und war zugleich immer auf Kommunikation gerichtet. Ob lehrend, schreibend, sprechend – es ging ihm darum, mit Lesern und Hörern auf Augenhöhe zu bleiben, um überzeugen zu können. Er sprach und lehrte leidenschaftlich, anschaulich und eindringlich, freundlich und fordernd. Er nutzte dabei auch schauspielerische Fähigkeiten, die er sich in jungen Jahren als Dramaturg und Regieassistent in Tübingen angeeignet hatte.
Leidenschaftlich war er auch als Übersetzer – er konnte wunderbar hassen, wenn ihm das, was er übersetzte, gegen den Strich ging. Er stritt sich mit Lektoren und sprach oft von ihrer Notwendigkeit. In den sechziger und siebziger Jahren hatte er, lernend, ausprobierend, Sachliteratur und erzählerische Bücher übersetzt. Seine sehr schönen Übersetzungen zweier Romane von Vladimir Nabokov, „Verzweiflung“ und „Maschenka“, sind in die große, von Dieter E. Zimmer edierte Nabokov-Ausgabe eingegangen, was er, der hohe Auszeichnungen und Ehrungen ablehnte, als Ehre empfand. Der handfeste amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut war seiner klaren politischen Haltung wegen (auch weil er die Augenhöhe mit Lesern wahrte) ein Autor nach seinem Geschmack.
Klaus Birkenhauer, der dankbar dafür war, daß Eltern und Verwandte Gegner der Nazis gewesen waren, hatte starke, in den Tübinger Jahren gewachsene politische Überzeugungen. Ohne sie wäre seine Art zu schreiben, zu lehren und sich in gesellschaftspolitischer und verbandspolitischer Arbeit zu engagieren, wäre auch seine Arbeit in Straelen nicht denkbar gewesen.
Die Computer- und Programmierkenntnisse und die von ihm entwickelten neuen lexikografischen Methoden waren kostbare Mitbringsel, als Klaus Birkenhauer 1978 die Leitung des neu gegründeten Europäischen Übersetzer-Kollegiums übernahm. Von 1979 an war er, ein langjähriger Freund und Weggefährte Elmar Tophovens, Geschäftsführer des EÜK. 1987 gab er die Geschäftsführung an Karin Heinz ab und zeichnete von da an als Projektleiter.
Er entwickelte im Kollegium die datentechnischen Voraussetzungen für das Anlegen von Glossaren - bereits 1980 erschien das erste, von ihm herausgegebene „Knast- und Drogenglossar“ -, legte mit Hilfe von Übersetzerkollegen den Grundstock für thesauristische Wörterbücher. Das alles neben der Tages- und Seminararbeit. Sein Schreibtisch floß über, allenfalls er selbst fand sich in seinem Chaos zurecht.
Er war ein strenger und freundlicher Hausherr, er konnte explodieren - und war unermüdlich in seiner Hilfsbereitschaft, die vor allem auch von den ausländischen Gästen des EÜK gerühmt wird. Allen, die Fragen stellten, war er so aufmerksam zugewandt, wie er später, in den Jahren seiner Krankheit, zuweilen fern und abwesend war, wenn er allein durch die weitläufigen Räume des Kollegiums ging. Das war dann die Zeit, in der man ihn, der alles Geschwafel haßte, bei Konferenzen mit Kulturfunktionären im Vorraum Zigaretten rauchen oder sein Stück trockenes Brot essen sah.
Sein Hauptwerk, das groß angelegte Synonymwörterbuch „Bedeutungsnetz“, muß nun Renate Birkenhauer vollenden. Sein anderes Hauptwerk dagegen hatte er schon 1977 veröffentlicht: ein überragendes, reifes, wissenschaftlich gründlich fundiertes, liebevoll und „lesbar“geschriebenes Buch: „Kleist“. Es war damals eine neuartige biografische Darstellung: Birkenhauer verzichtete auf allen Schnickschnack, verließ sich ganz auf Kleists Schriften, auf die Dokumente, deren er habhaft werden konnte. Obwohl er an keiner Stelle der Versuchung vieler Biografen erlag, sich selbst zu porträtieren, hat er in diesem Buch doch etwas von sich preisgegeben, was er sonst verbarg: Zartgefühl und eine sehr schöne Gabe, Poetisches auch in poetischer Sprache zu beschreiben. Schreibend muß er den bewunderten Dichter vor sich gesehen haben. Sein „Kleist“, ein „Bild aus Wörtern“, ist - Kleists wegen und Klaus Birkenhauers wegen – ein ergreifendes Buch.
Klaus, der Tüftler, hatte noch eine andere, liebenswerte, fast heimliche Leidenschaft: Er baute die alten englischen Papiertheater aus dem 19. Jahrhundert, bastelte, nach alten Stichen, Hampelmänner, und er sammelte Spielzeug, Marionetten, Handpuppen, Masken, automatische Geräte. Für eine Spieluhr programmierte er Melodien auf Lochstreifen.
Er schätzte und mochte die Zusammenarbeit mit Frauen – mit Renate, mit der er seit 1959 verheiratet war, von den Tübinger Studienjahren an bis zu den letzten EÜK-Seminaren, mit Ursula („Madeleine“) Brackmann in der Verbandsarbeit, mit Irmela Brender und Ingeborg Drewitz im VS-Vorstand, mit Karin Heinz und Regina Peeters im Kollegium. Mit Madeleine Brackmann fuhr er zweimal in die USA – einmal unter anderem nach Clinton, New York, wo er 1955/56, als Amerika noch weit weg war, studiert hatte.
Er fand es schön, daß seine Tochter Anne, die in Jerusalem lebt und doch bis zuletzt an seiner Seite war, schreibt und übersetzt. Wäre er, der immer eine innere Unruhe zähmen mußte, vielleicht manchmal gern aus dem Alltag im Kollegium ausgebrochen?
Wenige Tage, bevor er starb, führte er in einem Augenblick zwischen Traum und unbewußtem Wachsein ein imaginäres Telefongespräch mit seinem alten amerikanischen Studienfreund. Die Stimme erhoben, wie man es bei einem Gespräch über den Atlantik unwillkürlich tut, erzählte er, ein frisches amerikanisches Englisch sprechend, von sich und seinem Zustand. Nach seinem Tod fand Renate Birkenhauer in der Westentasche seines Jacketts eine ausgedruckte e-mail von dem fernen amerikanischen Freund.
Aus:
Karin Heinz / Regina Peeters (Hrsg.):
Warum ich so oft nach Straelen fahre?: Gedanken, Erinnerungen und Erkenntnisse zum fünfundzwanzigsten Jahr des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen e.V. - Straelen : Europäisches Übersetzer-Kollegium, 2003. - 135 S. : Ill.