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Seite:  Claus Sprick - 25 Arbeitshaus für Übersetzer

Claus Sprick


25 Jahre Arbeitshaus für Übersetzer


10. Januar 2003


 

Claus Sprick, Jahrgang 1946, ist laut eigener Aussage tagsüber Bundesrichter und bei Vollmond Übersetzer aus dem Englischen und Französischen. Deshalb hat er rund zwanzig Jahre gebraucht, um ein paar Werke von Armand Hoog, Saki, Régine Deforges, Jean-Luc Benoziglio, Gustave Flaubert und Georges Simenon zu übersetzen, ein Wörterbuch der Sprache des Ruhrgebiets zu verfassen und in diesen Dialekt zwei Asterix-Bände zu übertragen (Aufzählung in der Reihenfolge der Auflagenhöhe, aufsteigend natürlich). Er ist Gründungsmitglied des Europäischen Übersetzer-Kollegiums, seit 1990 dessen Präsident und wünscht sich nichts sehnlicher, als ebendort, wo frei nach Ludwig XIV. das Licht nicht ausgeht, mal nur Gast und vom Vollmond unabhängig zu sein.

 

 

Nein, nicht von einer drakonischen Strafe soll hier die Rede sein, sondern von der denkbar bescheidensten Beschreibung dessen, was das Europäische Übersetzer-Kollegium ist: Ein Haus, in dem Übersetzer daran arbeiten, Bücher von einer Sprache in eine andere zu übertragen. Aber es ist viel mehr als das.

 


Wenn es heißt, das Kollegium verdanke seine Entstehung einer Utopie Elmar Tophovens, so ist daran nur richtig, daß dessen Idee vielen zunächst undurchführbar erschien. Eine Utopie mag sie allenfalls ganz zu Anfang gewesen sein, denn als das Projekt erste Konturen annahm, war aus dem Nirgendwo, dem ou tópos, längst nicht nur ein Irgendwo geworden, sondern in Elmar Tophovens Vorstellung ein ganz bestimmter Ort. In den vergangenen 25 Jahren hat der Name seiner Heimatstadt Straelen für Übersetzer eine Bedeutung gewonnen, die dazu verleitet, jedwede Bescheidenheit hintanzustellen und sie in einem Atemzug mit so illustren historischen Orten wie Bagdad und Toledo zu nennen.

 

 

Denn der Hut, den vor dieser Idee zu ziehen sich gebührt, ist eigentlich ein sehr alter: Bei jedem runden Jahrestag, den das Übersetzer-Kollegium begeht, wird zu Recht das historische Vorbild der Schule von Toledo heraufbeschworen, jener legendären Institution, in der unter dem Erzbischof Don Raimundo und später unter Alfons X. zwei Jahrhunderte lang Übersetzer zusammenarbeiteten, um die Schriften, die die Araber dort mehr oder weniger freiwillig zurückließen, ins Lateinische und Kastilische zu übersetzen. Wie sollte ich da der Versuchung widerstehen, darauf hinzuweisen, daß das Kollegium an dieses Vorbild anknüpft und sich somit in eine uralte abendländische Tradition einfügt?

 

 

Ganz einfach: Da setze ich noch eins drauf und behaupte, daß wir eine morgenländische Tradition fortsetzen, die noch viel älter ist. Denn wenn die Schule von Toledo als frühes Modell eines Übersetzer-Kollegiums gelten darf, dann muß erst recht Bagdad erwähnt werden, jene Metropole, durch die einst andere Achsen verliefen als die, mit der sie heute in Verbindung gebracht wird, dank weiseren Herrschern ohne Schnurrbart, Hut und Knarre.

 

 

Einer dieser Herrscher war der Kalif Harun al-Raschid, dessen Privatleben uns aus den Märchen aus tausendundeiner Nacht annähernd so zuverlässig bekannt ist wie das des heutigen Hochadels aus der Boulevardpresse. Weniger bekannt ist, daß er Karl dem Großen, der zeitlebens große Schwierigkeiten mit dem Schreiben hatte, eine Uhr schenkte, die die Stunden schlug. Ich will damit nur andeuten, daß das Abendland damals bei einer globalen Pisa-Studie im Vergleich zur arabischen Welt kaum besser abgeschnitten hätte als jüngst das Land der Dichter und Denker. Jedenfalls wußte der Kalif, daß Wissen Macht bedeutet und schickte seine Kundschafter aus, um weltweit alle Manuskripte der klassischen griechischen Philosophen und Wissenschaftler aufzukaufen, derer man habhaft werden konnte. Die ließ er dann ins Arabische übersetzen. Aber er hatte nicht viel Freude daran, weil er die Weisung ausgegeben hatte, getreulich Wort für Wort zu übersetzen, so daß das Ergebnis alles andere als lesbar war und letztlich unverständlich blieb.

 

 

Nach seinem Tod fiel es seinem Sohn zu, dem Kalifen al-Mahmun, diesen Schatz weiter auszuwerten. Er gründete nach den Plänen seines Vaters in Bagdad das bait al-hikma, das Haus der Weisheit, ein Arbeitszentrum für Übersetzer mit einer umfangreichen Bibliothek. Dessen Leiter Hunain ibn-Ishaq (809 - 877, ein nestorianischer Christ, den mittelalterliche Quellen als Johannitius zitieren) verwarf alsbald das sinnlose wörtliche Übersetzen, entwickelte stattdessen die Methode der konzeptionellen Übersetzung und lehrte sie dort. Zeitweise übertrugen im Haus der Weisheit bis zu 90 Übersetzer so bedeutende klassische Autoren wie Platon, Aristoteles, Hippokrates, Galenius, Ptolemäus - eben jenen Kanon, der dann dreihundert Jahre später über Toledo zu uns gekommen ist.

 


Es wird überliefert, der Kalif sei von Hunain ibn-Ishaqs Übertragungen so angetan gewesen, daß er ihm für jedes übersetzte Buch dessen Gewicht in Gold auszahlte - ein Brauch, der das Kalifat leider nicht überdauert hat.

 


Ohne diese Übersetzungen wäre unser heutiges Wissen um die Philosophie, Mathematik, Astronomie und Medizin der Antike gleich Null - und selbst das wüßten wir nicht, weil auch diese magische Zahl der Inder nur auf dem Umweg über Bagdad und Toledo zu uns gekommen ist.

 

Was uns das heute noch angeht? Das Argument, unsere Festplatten seien zu 50% mit Nullen belegt, überzeugt mich nicht, weil ich davon nicht viel merke. (Bei unseren Bildungsinstitutionen mag das anders sein, doch dafür können die Inder nichts.) Aber versuchen Sie doch nur einmal, zwei römische Zahlen miteinander zu multiplizieren, oder stellen Sie sich einen Kassenzettel im Supermarkt in anderen als arabischen Zahlen vor - und das ohne Brille, denn auch die (und nicht nur ihre auf das Arabische zurückgehende Bezeichnung) verdanken wir letztlich zwei Übersetzern: zum einen dem 965 in Basra geborenen Ibn al-Haitham, der Euklid und Archimedes übersetzte und die Gesetze der Lichtbrechung beschrieb, und zum anderen dem polnischen Gelehrten Erazm Golek Witelo, der 1270 Ibn al-Haithams Buch der Optik ins Lateinische übersetzte und den entscheidenden Anstoß dazu gab, erstmals eine Plankonvexlinse als Lesestein zu verwenden, wie es sein Kollege schon fast 300 Jahre früher vorgeschlagen hatte.

 

 

Warum mußte dann so lange Zeit vergehen, bis wieder ein Zentrum entstand, das Übersetzern von Büchern als gemeinsamer Mittelpunkt dient? Nun, vielleicht muß man etwas weiter ausgreifen, um die kühne Theorie aufzustellen, daß sich dergleichen ungefähr in einem 300-Jahre-Rhythmus vollzieht: Nach Bagdad im 9. und Toledo im 12. könnte man dann im 15. Jahrhundert auf eine Stätte verweisen, zu der wir auch heute noch regelmäßig pilgern: die Frankfurter Buchmesse.

 

 

Aber ja! Nur wenige Jahre, nachdem Gutenberg seine Erfindung und die ersten gedruckten Bibeln auf der Herbstmesse zu Frankfurt vorgestellt hatte, war die 1480 erstmals als solche erwähnte Buchmesse zum weltweit bedeutendsten Umschlagplatz und Treffpunkt der Drucker, Verleger, Buchhändler, Autoren und Übersetzer aufgestiegen. Und schon Erasmus von Rotterdam, der über der Druckerei seines Verlegers Froben in Basel wohnte, beklagte die Hektik, die jedesmal kurz vor der Messe ausbrach. Zu den Bestsellern des ausgehenden 15. Jahrhunderts gehörte übrigens das Catholicon des Johannes Balbus, das erste gedruckte Wörterbuch der Welt.

 

 

Aus dem Urknall der Erfindung des Buchdrucks ging hervor, was der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan als Gutenberg-Galaxis bezeichnet hat, und wenn es stimmt, daß das Universum auseinanderstrebt, ist es nicht verwunderlich, daß die 300 Jahre später fällige Innovation schwer zu lokalisieren ist. Vielleicht war es die europäische Gelehrtenrepublik der Aufklärung im frühen 18. Jahrhundert, die freilich kein eigentliches Zentrum mehr hatte, sondern durch den vielsprachigen Briefwechsel ihrer Mitglieder zusammengehalten wurde. Ihr ist es jedenfalls zu verdanken, daß der Primat religiöser Texte abgelöst wurde und neben Natur- und Geisteswissenschaften auch die als schöngeistig bezeichnete Literatur über Klöster und Universitäten hinaus Verbreitung fand. Privater Buchbesitz war nichts Außergewöhnliches mehr.

 

 

Oder zeigt diese erste virtuelle Gelehrtengemeinschaft etwa auf, daß das Übersetzer-Kollegium in Straelen den Staffelstab Ende des 20. Jahrhunderts vorzeitig ergriffen hat, und eigentlich die wenig später entstandene Internet Community legitimer Nachfolger dieser Entwicklung ist? Sollte die Idee, ein Haus für Übersetzer zu schaffen, kurz nach ihrer Verwirklichung schon wieder obsolet geworden sein?

 


Wenn es stimmt, daß Nachahmer die besten Zeugen des Erfolges sind, steht das nicht zu befürchten. Inzwischen sind in ganz Europa Arbeitszentren für literarische Übersetzer entstanden, die sich ausdrücklich zum Straelener Vorbild bekennen: Zunächst das Zentrum in Arles, in Südfrankreich, dann in rascher Folge in England Norwich, in Spanien Tarrazona, das Vertalershuis in den Niederlanden, für den baltischen Sprachraum Visby auf Gotland, um nur einige zu nennen. Irland, Italien und Belgien haben ähnliche Modelle entwickelt, und Projekte in weiteren Ländern stehen vor ihrer Verwirklichung.

 

 

Richtig ist indes, daß einige Aufgaben, denen sich das Europäische Übersetzer-Kollegium anfangs verschrieben hatte, inzwischen in den Hintergrund getreten sind. Auf dem Gebiet der elektronischen Textverarbeitung, die 1978 noch in den Kinderschuhen steckte, hat Dr. Klaus Birkenhauer für die Übersetzer unschätzbare Pionierarbeit geleistet, aber mittlerweile ist der Umgang mit der neuen Technik so preiswert und selbstverständlich geworden, daß das Kollegium sich darauf beschränken kann, seinen Gästen modernste Geräte und kostenlosen Internet-Zugang zur Verfügung zu stellen (und mit kundiger Hand einzugreifen, wenn die Arbeit eines Tages mal wieder im digitalen Nirwana verschollen ist).

 

 

Auch die Zusammenstellung und Sammlung von speziellen Glossaren für Übersetzer ist heute keine Arbeit mehr, die sinnvollerweise nur im Kollegium geleistet werden kann, weil einzelne Übersetzer sich dieser Aufgabe selbst angenommen haben und die Ergebnisse über das Internet abrufbar sind. Darüber hinaus bietet das Internet Recherchemöglichkeiten, die in manchen Bereichen dem nahekommen, was bisher nur die Bibliothek des Übersetzer-Kollegiums zu bieten hatte.

 


Lohnt es da überhaupt noch, einen Ausblick zu wagen, oder ist das Kollegium mittlerweile nur noch eine bewohnbare Bibliothek und kein geistiges Zentrum mehr, von dem Impulse ausgehen, eine ungenutzte Chance, das schiefe Bild von Pisa zurechtzurücken?

 


Noch ist nicht abzusehen, ob die Novelle des Urheberrechts die bekanntermaßen desolate finanzielle Lage der Übersetzer entscheidend verbessern wird. Die Annahme, daß literarische Übersetzer offensichtlich mehr oder weniger masochistisch veranlagt sind, weil sie auf der Suche nach der bestmöglichen Übersetzung unablässig weiterwuseln, auch wenn das letztlich ihren Stundenlohn mindert, bleibt daher gerechtfertigt. Das wäre eine denkbare Erklärung für ihre ungebrochene Sehnsucht nach dem Arbeitshaus, als das ich das Kollegium anfangs bezeichnet habe. Suchen die Übersetzer in Straelen wirklich nur jenes ergastulum, in das die Römer ihre Sklaven pferchten und das Juvenal in seiner 14. Satire als carcer rusticus bezeichnet, und besteht da etwa ein Zusammenhang mit den rustikalen Deckenbalken in Zelle 14 des Kollegiums, die so niedrig sind, daß sie dem Eintretenden Demutshaltung abverlangen – nach dem Danteschen Motto lasciate ogni speranza?

 

 

Die Beiträge unserer ausländischen Gäste, die in unserer Festschrift "Warum ich so oft nach Straelen fahre?" versammelt sind, legen ein beredtes Zeugnis dafür ab, daß das Kollegium kein Karzer ist, sondern eher eine offene Anstalt für die Freigänger der Sprache. Es hat mehr zu bieten als die Abgeschlossenheit karger Einzelzellen, aber auch mehr als die virtuellen Weiten des world wide web. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, und gerade die zumeist zurückgezogen arbeitenden Übersetzer wissen den unmittelbaren Gedankenaustausch mit ihresgleichen zu schätzen. Wer Bücher übersetzt, ist zudem schon von Berufs wegen bibliophil und möchte von Büchern umgeben sein - vor allem, wenn die Bibliothek in Straelen auch da noch Antworten zu geben vermag, wo das Internet nicht weiterweiß. Und wer sich dort müht, sich als Übersetzer zu bewähren, steht auch deshalb nicht allein, weil ihm mit Karin Heinz und Dr. Regina Peeters kompetente Bewährungshelferinnen zur Seite stehen.

 

 

 

 


25 Jahre sind wenig, wenn man in historischen Kategorien denkt. Viel scheint sich für die Übersetzer und den Druck ihrer Abgabetermine auch nicht geändert zu haben, seit bei den Ägyptern der ibisköpfige Gott Thot als Übersetzer fungierte, denn bezeichnenderweise war er nicht nur der Gott der Schreibkunst, sondern auch der Zeiteinteilung. Zahlreiche Darstellungen wie etwa figura zur Linken zeigen ihn, wie er seinen Laptop aufklappt. Allein die für uns ungewohnte Schreibhaltung erinnert daran, daß die Ägypter die Maus noch nicht kannten, wohl aber die berufstypischen Haltungsschäden im Bereich der Halswirbel und Nackenmuskulatur.

 

 

25 Jahre sind hingegen eine lange Zeit im Vergleich zu einem Übersetzerleben, und erst recht angesichts der statistischen Lebenserwartung neu gegründeter Kulturinstitutionen. Es ist daher an der Zeit, mit dem Rückblick auch den Blick in die Zukunft zu verbinden und zu überlegen, wie das Arbeitshaus in Straelen seiner Aufgabe, nicht nur eine Besserungsanstalt zu sein, noch umfassender gerecht werden kann. Für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Übersetzer und der Qualität ihrer Übersetzungen hat das Kollegium bereits viel geleistet. Es hat auch maßgeblich dazu beigetragen, auf die Bedeutung der Übersetzung hinzuweisen, das Ansehen der Übersetzer zu fördern und den hohen Anspruch, den sie an sich selbst stellen, in das Bewußtsein der Öffentlichkeit zu rücken.

 

 

Der glückliche Umstand, daß das Fortbestehen des Kollegiums erstmals als relativ gesichert gelten kann, sollte aber den Blick freimachen für weitere Aufgaben, denen sich auch schon die historischen Vorbilder zugewandt hatten. Es wäre wünschenswert, wenn auch die Methodik insbesondere des literarischen Übersetzens von Übersetzern selbst weiterentwickelt würde, und es nicht allein den Linguisten überlassen bleibt, den state of the art aus der Sicht des Beobachters zu ermitteln und zu beschreiben.

 

 

Anfängliche Berührungsängste mit der Übersetzungswissenschaft sind weitgehend überwunden, seit die Zusammenarbeit mit dem Studiengang Literarisches Übersetzen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf dazu beigetragen hat, Wissenschaft und Praxis einander anzunähern. Nach wie vor ist allerdings die Überzeugung weit verbreitet, für die Übersetzer sei die Übersetzungswissenschaft etwa so lebenswichtig wie die Ornithologie für die Vögel (Verzeih mir, ibisköpfiger Gott Thot!).


Nicht zu leugnen ist jedoch, daß das Übersetzer-Kollegium wichtig für die Übersetzungswissenschaft geworden ist, denn hier ist ein Fundus beachtenswerter übersetzerischer Leistungen entstanden, der ausgewertet und zusammengefaßt zu werden verdient. Aber davon werden wir wohl noch tausendundeine Nacht träumen müssen, bis sich wieder ein Kalif mit Weitsicht findet, der ein solches Vorhaben tatkräftig unterstützt.

 

 

Aus:
Karin Heinz / Regina Peeters (Hrsg.):
Warum ich so oft nach Straelen fahre?: Gedanken, Erinnerungen und Erkenntnisse zum fünfundzwanzigsten Jahr des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen e.V. - Straelen : Europäisches Übersetzer-Kollegium, 2003. - 135 S. : Ill.