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Als ich vor einigen Jahren Hans Blumenbergs sehr anregendes Buch Matthäuspassion las, gab es eine Kapitel-überschrift, die mir zugleich tief und banal vorkam: Das Hören höret nimmer auf. Der Satz wäre gewiss banal, wäre er nicht in die übergreifende Thematik des Buches eingebunden, nämlich daß Lesen auch Hören ist, daß die Hermeneutik als Kunst des Auslegens ein subtiles und fein gestimmtes Gehör geradezu erfordert.
Man muß einen Text nicht nur lesen, sondern ihn auch hören können. In dem erwähnten Kapitel übt Blumenberg eine sehr interessannte Kritik an Goethe als Leser. Der alte Dichterfürst hat von seinem Berliner Komponistenfreund Zelter einen Brief empfangen, dessen anekdotischen Inhalt er entweder mißverstanden hat oder vielleicht nicht verstehen wollte. Blumenberg sagt: "Goethe ist kein guter Leser der Briefe seines Freundes, wie überhaupt kein guter Leser. Er hört nichts heraus."
Dieses Nichts-Heraushören oder vielmehr dessen positiver Gegenpol das Heraushören beim Lesen scheinen mir von großer Bedeutung zu sein, wenn es um die Beurteilung von Übersetzungen geht, denn das subtile Abhören eines Textes zeichnet die wirklich hervorragende Übersetzung vor der anständig gemachten und guten aus. Entgegen dem herrschenden Vorurteil würde ich sagen, daß es nicht so viele schlechte Übersetzungen gibt, wie es manche Möchtegernkundige auf diesem Gebiet eigentlich behaupten, die meisten Übersetzungen funktionieren nach den gegebenen und gewünschten Maßstäben, sonst wäre nicht nur die literarische, sondern auch die praktische Welt, vor lauter Mißverständnissen längst zusammengebrochen. Was selten ist, sind Meisterübersetzungen, denn hier müssen sich zwei Menschen besonderer Art begegnen, Meisterautor und Meisterübersetzer. Und genau das ist der Fall bei Niels Brunses Übersetzung von Thomas Manns Roman Buddenbrooks. Die Begründung der Jury möchte ich an dieser Stelle wiederholen:
"Mit der Übersetzung von Buddenbrooks ist es Niels Brunse gelungen, mit feinfühliger Musikalität und großer sprachschöpferischer Phantasie die Polyphonie in Thomas Manns Meisterwerk ins Dänische zu überführen, ohne die philologische Genauigkeit preiszugeben. Die ganze Vielfalt des Romans hat im Dänischen eine überzeugende und virtuose sprachliche Form gefunden, die in jeder Hinsicht dieses deutschen Klassikers würdig ist."
Diese Begründung der internordischen Jury mit den Mitgliedern Ole Michael Selberg, Birgitta Kicherer, Jukka Koskelainen und Henning Vangsgaard, die sehr harmonisch zusammenarbeiteten und ohne Dissens ihr Votum abgaben, möchte ich gerne ein bißchen vertiefen.
Die vielen, oft sehr schwer zu bewältigenden syntaktischen Probleme in Buddenbrooks sind alle glänzend und elegant gelöst. Anders war es nicht zu erwarten von einem Übersetzer, der vor über zwanzig Jahren sich buchstäblich eine stilistisch/syntaktische Zwangsjacke anlegte und eine mehr als hervorragende Übersetzung von Peter Weiss' Jahrhundertwerk "Ästhetik des Widerstands" machte. Eine Übersetzung, die zum großen Teil in diesem schönen Haus unter der Ägide von unserem unvergeßlichen Dr. Klaus Birkenhauer entstand.
Die eigentliche Leistung der Buddenbrooks-Übersetzung liegt aber nicht in der Lösung des komplizierten syntaktischen Komplexes, sondern im genauen Abhören der verschiedenen Stil- und Sprachebenen des Romans. Die einzelnen Charaktere des Romans haben ihre persönliche Stimme bekommen. In dieser sprachlichen Charakterisierung sehe ich aber auch die wichtigste Tugend dieser Übersetzung: sie ist ohne Übertreibung und mit ganz diskreten Mitteln durchgeführt worden. Wie es sich ziemt, wenn man einen Lübecker Hanseaten übersetzt. Niels Brunse ist nicht in Versuchung geraten, sein eigenes Sprach-Können oder seinen Erfindungsreichtum herauszustellen, seine Übersetzung hält genau die notwendige Balance.
In Thomas Manns Buddenbrooks gibt es viele Personen und Passagen, die für den Übersetzer eine Versuchung sein könnten, zum Beispiel die unsterblichen Szenen mit Herrn Permaneder und Tony Buddenbrooks. Ich hätte eigentlich Lust das ganze achte Kapitel im sechsten Teil des Buches sowohl in der Originalsprache als auch in der Übersetzung vorzulesen, um in Einzelheiten zu zeigen, wie exemplarisch das immer wiederkehrende Problem des übersetzens von Mundart bei Niels Brunse gelöst ist. Nicht die fehlende Zeit ist das größte Hindernis, um dieses Vorhaben durchzuführen, sondern meine mangelhafte Aussprache der bayerischen Zunge. Ein Beispiel werde ich jedoch bringen, und das muß für das Ganze stehen.
In dieser kleinen Passage geht es um Tony Buddenbrooks Schwierigkeiten mit der bayerischen Küche.
"Sie [Tony] lernte es, sich mit den Dienstmädchen und Lieferanten zu verständigen, "Pflanzerln" statt "Frikadellen" zu sagen und ihrem Mann keine Fruchtsuppe mehr vorzusetzen, nachdem er dergleichen als "a G'schlamp, a z'widres" bezeichnet hatte." Bei Niels Brunse heißt es: "Hun lærte at gøre sig forståelig for tjenestepiger og handlende, at sige "kødboller" i stedet for "frikadeller" og ikke mere at servere frugtsuppe for sin mand, efter at han betegnet den slags som noget "ækelt slabberjuks".
Niels Brunse hat mit souveränem Ohr "a G'schlamp, a z'widres" mit "ækelt slabberjuks" im Dänischen wiedergegeben. Das Wort "slabberjuks" gibt es im dänischen Sprachschatz nicht, man weiß aber sofort, daß dieses "slabberjuks" das absolute Gegenstück zur Göttermahlzeit ist und beim Essen keine Freudestränen hervorrufen würde.
Was Niels Brunse als Übersetzer nicht nur bei diesem Werk auszeichnet, ist ein fast extrem entwickeltes Gefühl dafür, daß das, was beim filologischen Sehen richtig erscheint, beim genauen Hinhören falsch sein kann. Dieses Hörvermögen wird mit einer tiefschürfenden Kenntnis sowohl der alten als auch der modernen dänischen Sprache verbunden, und beides zusammen bedeutet eine immense Erweiterung des dänischen Sprachregisters.
Es ist immer wieder von der dänischen Kritik betont worden, daß eine Übersetzung von Niels Brunse oft alte und fast verrostete dänische Sprachmünzen erneut in Umlauf bringt. Werden diese Sprachmünzen in der Umgangssprache dadurch auch nicht wieder lebendig, so werden sie doch einen Moment lang der totalen Vergessenheit entrissen und können die ganze Spannkraft der dänischen Sprache zeigen. Ich möchte aber betonen, daß diese Fähigkeit den dänischen Sprachschatz auszugraben bei Niels Brunse immer eine dienende Funktion im Verhältnis zum Original hat und nie Selbstzweck wird.
Als die hier preisgekrönte Übersetzung von Buddenbrooks in Dänemark erschien, wurde im Feuilleton hervorgehoben, wie lebendig Thomas Manns Roman auf den heutigen Leser wirke, und die Kritik wußte glücklicherweise die große übersetzerische Leistung zu würdigen. Die Arbeit in der Jury hat mir die Möglichkeit gegeben, mich noch einmal mit Thomas Manns Werk zu beschäftigen. Das erneute Lesen hat meine ursprüngliche Meinung nicht geändert, sie eigentlich nur bestätigt: Ich finde immer noch, daß Buddenbrooks der beste und lebendigste Roman von Thomas Mann ist. Zauberberg und Doktor Faustus kann man bewundern, Buddenbrooks kann man lieben. Und ich bin fest davon überzeugt, daß viele dänische Leser den eher ehrfurchterregenden und distanzierten Thomas Mann durch diese Neu-Übersetzung von Niels Brunse wirklich liebgewonnen haben.
Wie ist Niels Brunse zu seinen Fähigkeiten als Übersetzer gekommen? Um eine mögliche Antwort auf diese Frage geben zu können, wollen wir eine Reise antreten, ja fast dieselbe Reise wie Thomas Manns Tonio Kröger, als er seiner Freundin und Vertrauten sagt:
"Ja, ich verreise nun, Lisaweta: ich muß mich auslüften, ich mache mich fort, ich suche das Weite." Nun, wie denn, Väterchen, geruhen Sie wieder nach Italien zu fahren?" /.../ Nein, ich gehe nun ein bißchen nach Dänemark." "Nach Dänemark?" "Ja. Und ich verspreche mir Gutes davon."
Das tun wir auch, und zusammen mit Tonio Kröger gehen wir an Land in der Hamlet-Stadt Helsingör an der seeländischen Küste - nur 55 Jahre später als Tonio Kröger. Wir verlassen den Hafen, werfen schnell einen Blick rechts auf Schloß Kronborg, es ist immer noch zu früh für Hamlets nächtliche Umtriebe, wir eilen durch die Fährgasse und schleichen unbemerkt in den Dom, in die Sct. Olai Kirche. In diesem eigenartigen Kirchenraum sitzt ein sehr junger Mensch mit dem Namen Niels. Wenn er nicht selber im Kirchenchor singt, muß er immer wieder diese Orgelmusik von dem großen Sohn der Stadt, Dietrich Buxtehude, hören, diese hölledrohend tiefen, diese himmelversprechend hohen Töne. Wir wollen ihn nicht stören, ihn nur einen Moment in seiner tiefen Konzentration betrachten, bei seiner Versunkenheit in dieser großen Barockmusik.
Wenn Übersetzung Kunst sein soll, wie es bei Niels Brunse der Fall ist, reichen meines Erachtens sonst rühmenswerte Übersetzertugenden wie Fleiß, Phantasie, filologische Akribie, idiomatische Beherrschung, Sorgfalt usw. nicht aus. Ich glaube, daß übersetzen als Kunst ein extraordinäres Hörvermögen, ja ein absolutes Sprachgehör voraussetzt, um die ganze Vielfalt einer Sprachpartitur wie Buddenbrooks zu realisieren. Niels Brunse hat oft betont, welche große Rolle die durchgreifende Textanalyse bei ihm spielt, ja daß diese Analyse das entscheidende Moment bei seiner Arbeit ist. Ich werde ihm nicht widersprechen, analytische Fähigkeiten sind gewiß wichtig, ich glaube aber, daß Niels Brunses Hörvermögen und seine Sprachmusikalität ihm so selbstverständlich sind, daß er sie nicht erwähnenswert findet. Aber gerade diese Eigenschaften werden von seinen Kollegen bewundert.
Einer sagte einmal in einem Gespräch: "Ja, es gibt sehr viele gute Übersetzer in Dänemark." Und dann fügte er, ohne darüber nachzudenken, hinzu: "Und dann gibt es auch Niels."
Daß Niels Brunse eine besondere Stelle nicht nur unter den dänischen, sondern auch unter den skandinavischen Übersetzerinnen und Übersetzern einnimmt, hängt damit zusammen, daß er mit gleicher Souveränität aus drei verschiedenen Sprachen übersetzt, nämlich aus dem Russischen, dem Englisch/Amerikanischem und dem Deutschen.
Ich kenne keine Übersetzerin oder keinen Übersetzer in Skandinavien, der eine so breite Palette wie Niels Brunse hat. Fünfzehn Shakespeare-Werke, William Blake, die Nobelpreisträger J. M. Coetzee und Saul Bellow, Joseph Conrad, John Fowles aus dem Amerikanischen und Englischen; Andrej Belyj, Nina Berberova und Tjekhov aus dem Russischen; Goethe, Heinrich von Kleist, Thomas Mann, Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger und Judith Hermann aus dem Deutschen. Dazu kommen zahlreiche Übersetzungen aus allen drei Sprachen für das Theater. Nicht ohne Grund, denn die dänischen Schauspieler wissen Niels Brunses Musikalität und Dialogbewußsein zu schätzen.
Niels Brunse fing 1969 ganz unbescheiden mit einer Georg Trakl Übersetzung an, und seitdem hat das dänische Lese- und Theaterpublikum viele hervorragende Arbeiten von seiner Hand bekommen. Wir sollten eigentlich für das schon Erreichte dankbar sein, das sind wir aber nicht, wir möchten mehr Übersetzungen von dir haben, Niels, besonders die Fortsetzung deiner wichtigen Arbeit mit Shakespeare. Mein Wunsch an dich, was eine Übersetzung betrifft, ist ein deutscher Roman, der eigentlich längst hätte im Dänischen erscheinen sollen. Ich rede von Hans Henny Jahnn und seinem großen Meisterroman Fluß ohne Ufer, der in den 30er Jahren auf seinem Bauernhof auf der Insel Bornholm entstanden ist.
Dieser multibegabte Mensch übte auch eine andere Tätigkeit aus, er arbeitete als Orgelrestaurator für die berühmte dänische Orgelfirma Frobenius und hat in dieser Funktion viele Barockorgeln in Dänemark restauriert. Wir Dänen haben Jahnn nicht gebührend geschätzt, weder als Orgelbauer noch als Schriftsteller. Eine Übersetzung von diesem Hauptwerk der modernen deutschen Literatur würde eine späte Wiedergutmachung Jahnn gegenüber bedeuten, und würde Niels Brunse diese Übersetzung machen, bin ich ganz sicher, daß große Sprachmusik entsteht.
Dankrede • Biobliographie Niels Brunse